GEKMANIA.
VIERTELJAHRSSCHRIFT
FÜR
DEUTSCHE ALTERTHUMSKUNDE.
BEGRÜNDET VON FRANZ PFEIFFER. FORTGESETZT VON KARL BARTSCH.
JETZT HERAUSGEGEBEN VON
OTTO BEHAGHEL.
DREIUNDDREISSIGSTER JAHRGANG. NEUE^REIHE EINUNDZWANZIGSTER JAHRGANG.
WIEN.
VERLAG VON CARL GEROLDS SOHN.
1888.
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INHALT.
Seite
Zur mythologischen Methodik, Von L. Beer 1
Der nordische Tristanroman und die ästhetische Würdigung Gottfrieds von Straß- burg. Von G. Glöde 17 !^
Eine deutsche Übersetzung von Ciceros Cato aus der Humanistenzeit. Von K. Hart-
felder . 27
Zu Keinolt von Montelban. Von F. Pf äff 31
Die Handschriften des Eeinolt von Montelban. II. Von Demselben 34
Zu Germania XXXII, 97. Von G. Ehrismann 45
Pfaffe Amis 1—72. Von E. Einert 46
Beiträge zur Geschichte der Minnesinger. III. Von F. Grimme 47
1. Brunwart von Augheim - 47
2. Bruno von Hornberg 48
3. Walter von Breisach 50
4. Der schuolmeister von Enzelingen 61
5. Goldener 52
6. Pfeffel 53
7. Der von Sachsendorf 53
8. Hardegger 55
9. Meister Heinrich Teschler 56
Rätsel. Von K. Bartsch 57
Zu Iwein v. 553 ff. Von F. Grimme 58 *— ^
Erinnerungen an Karl Bartsch. Von K. J. Schröer 59
Karl Bartsch f 19. Februar 1888. Von R. Bechstein 65
Verzeichniß der selbständig erschienenen germanistischen Schriften Karl Bartschs.
Von G. Ehrismann 94
Karl Bartsch als Romanist. Von Fr. Neumann 98
Johann von Soest, 'Dy gemein Bicht'. Von K. v. Bah der 129
Zu Steinmar. Von Beruh. Wyss 158
Handschrift 1590 der Leipziger Univeristätsbibliothek. Von K. Eulin g . . . . 159
Die Nachbildung der Manesse'schen Handschrift in Heidelberg 173
Narrengesellschaften. Von Felix Liebrecht 175
Seewasser in Tempeln. Von Demselben 177
Ein Volksvers. Von Demselben 179
Zur Alexiuslegende. Von Max Friedr. Blau 181
Zu Reinke de Vos. Von R. Sprenger 220
Märchen aus Lothringen. Von F. Peters 224
1. Drei Sprüche 224
2. „Der Weihnachtsbub" . 226
Bericht über die Verbandlungen der deutsch-romanischen Section auf der XXXIX.
Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner zu Zürich 231
Einundzwanzig Fabeln, Schwanke und Erzählungen des XV. Jahrhunderts. Von
J. Baechtold 257
1. Fuchs, Wolf und Eimer. S. 258. — 2. Falke und Eule. S. 269. — 3. Schüler und Bauer, S. 260. — 4. Ein böses Weib scheidet eine Ehe. S. 261. — 5. Respice finem. S. 262. — 6. Von Buhlschaft und treuer Liebe. — 7. Von einem Sohn, der dem Vater die Nase abbeißt. S. 264. — 8. Der Wolf als Fischer, S. 265. — 9. Die listige Frau. S. 267, — 10, Die Katze als Nonne, S. 269. — 11. St. Petrus und der Holzhacker. S. 270. — 12. Der Pfaff im Käskorb. S. 271. — 13. Von Frauenlist. S. 273. — 14. Von zwei Bettlern. S. 274. — 15. Wolf und Geige. S. 275. — 16. Der dankbare Lindwurm. S. 276. — 17. Der beichtende Schüler. S. 279. — 18. Die ge- stohlene Monstranz. S. 280. — 19. Von einem häßlichen Pfaffen, S. 281. — 20. Von einer Büßerin. S. 281. — 21, Göttliche Strafe, S. 282.
Seite
Ein Tagelied. Von J. J. Baebler 283
Altdeutsche Glossen aus Innsbruck. Von Adalbert Jeitteles 287
Zur Legende der heil. Kumernus oder Wilgefortis. Von J. H. Gall6e 311
Der Scheich im Nibelungenliede. Von Karl Haas 312
Mich wundert, daß ich fröhlich bin. Von Reinhold Köhler 313
Märchen aus Lothringen. Von F. Peters - 333
2. Der Soldat und das Kind 333
3. Das Gelübde > 337
Der verstellte Narr. Von Heinrich v. Wlislocki 342
Die Reimbrechung in Gottfrieds von Straßburg Tristan und den Werken seiner
hervorragendsten Schüler. Von O. Gl öde 357
Zum Seifrid Helbling. Von Gustav Ehrismann 370
Zu Reinke de Vos. Von Ed. Damköhler 379
Der Minnesänger Albrecht von Johansdorf. Von J. Horuoff, (Schluß folgt.). . 385
Ä. Person des Dichters 385
B. Lieder 392
I. Überlieferung 392
II. Echtheit 396
III. Rhythmik und Metrik 398
IV. Sprache 428
Die Bezeichnungen her und meister in der Pariser Handschrift der Minnesinger.
Von Fritz Grimme 437
Die Wielaiidsage und die Wanderung der fränkischen Heldensage. Von W. Golther 449
ader = aber. Von Ed. Damköhler 480
Mittheilungen aus der kön. Universitätsbibliothek Tübingen. Von K. Steiff . . 481
Zu Gerhard von Minden. Von Ed. Damköhler 497
Ein Brief an Albrecht von Eyb. Von M. Herrmann . . 499
Erwiderung. Von R. Bechstein 506
LTTTERATUR.
Recensioneu Von K. Bartsch 108
Litteratur-Notizen. Von Demselben 116
Anzeigen. Von Demselben 118. 234
Anzeigen. Von A. Nagele ... 125
Aus Zeitschriften. Von K. Bartsch 238
MISCELLEN.
Einige Beiträge zur Geschichte der Frauen. (Schluß.) Von Felix Liebrecht . 243
Aus alten Handachriftenkatalogen 255
Mittheilungen 256. 384. 508
Berichtigung 384
Ein Scherz Simrocks mit Adalbert von Chamisso 508
Nihelungenfehde 508
ZUR MYTHOLOGISCHEN METHODIK.
Ich habe Band XIII, S. 1 fF. der „Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Litteratur" eine Untersuchung der Orendel- sage augestellt, welche sich zu der Behandlung einer größeren Gruppe zusammengehöriger Überlieferungen gleichen mythischen Gehaltes gestaltete und in der Feststellung eines pangermanischen, vielleicht sogar indogermanischen Jahreszeitenmythus gipfelte. Es sei gestattet, einige principielle Bemerkungen über diese und ähnliche Unter- suchungen nachzutragen.
Die Mythologie als Wissenschaft ist in unseren Tagen in Miß- credit gerathen, derart, daß ernste Wissenschaftler ihr mit Verachtung den Rücken kehren und auf Bestrebungen in ihrer Richtung den spröden Bescheid ertheilen: ich glaube überhaupt, daß die meisten unserer Sagen sehr späten Ursprungs sind! ein Bescheid von merk- würdiger Wissenschaftlichkeit, da es 1. wohl der Mühe verlohnte, für einen derartigen Glauben den Beweis anzutreten, 2. die wissen- schaftliche Bedeutsamkeit einer Überlieferung durchaus nicht lediglich von ihrem Alter abhängt.
Im Übrigen ist die Discreditirung der mythologischen Forschung eine nothwendig erzeugte. Als Jakob Grimm, der Begründer unserer germanistisch historischen Wissenschaften, das deutsche Volk mit einer deutschen Mythologie beschenkte, sah er sich veranlaßt, in Ermangelung einer geschlossenen Qaellenüberlieferung, wie sie die Edden für den nordischen Glauben zu bieten schienen, eine Analogien- sammluug aus allen erfindlichen Niederschriften anzustellen nach den nämlichen Principien, denen wir seine Analogiensammlungen zur Begründung einer deutschen Grammatik und einer deutschen Rechts- alterthumswissenschaft verdanken. Dabei widerfuhren ihm vornehmlich zwei Irrthümer: 1. schwebten ihm als ein Ideal religionsgeschichtlicher Überlieferung die Edden vor, die er, wie noch in unserer Zeit man- cher vorzügliche Forscher, für eine Quelle erster Hand hielt, und er suchte ihre Sagen und Göttergestalten auf westgermanischem Boden wiederzufinden; 2. stand er, wie alle Begründer der deutschen Philo- logie, unter dem Banne der classischen Alterthumswissenschaften, faßte
GEKMANIA. Neue Reihe XXI. (XXXIII.) Jahrg. 1
2 L. BEER
also den Begriff Mythologie in der ganzen Beschränktheit der mit festgefahrenen Terminis hausenden classischen Forschung und freute sich andererseits, classische Vorbilder auf germanischem Boden wieder zu entdecken. Damit begründete er die gefährlichste Krankheit dieser Wissenschaft: die Analogienwirthschaft, die frischweg deutsche Über- lieferungen einerseits auf eddische Muster ausdeutete und andererseits mit ähnlichen griechischen und, später, vedischen Traditionen verglich und nach ihnen beurtheilte.
Aber mit diesen Analogiensammlungen, welche in der Analogien- wirthschaft nur ins Kraut geschossen sind, wies Grimm den Weg zu einer ganz neuen Methode, welche weit über die von der classischen Philologie ausgebildete hinausging. Indem er einerseits zum ersten Male eine wohlgeordnete Sammlung mythischer Einzelüberlieferungen elementarer Gestalt bot unter Hinweisungen auf überraschende Paral- lelen fremder Mythik, bahnte er den Weg zu der Begründung einer vergleichenden Mythenforschung, welche Kuhn zuerst^) zum Princip erhob. Indem er andererseits seine Belege aus der Volksüberlieferung schöpfte, wies er den Weg zu der reinsten Quelle mythischer Beleh- rung, zu dem Volksleben, und wurde der eigentliche Begründer des berühmten Schwartzischen Princips, daß die Volksnatur, die Mutter der Mythik, mutatis mutandis noch heute unter gleichen Anlagen, Trieben, Gesetzen die Mythenbildung fortsetzt, daß ihr allein die Gesetze der Mythenbildung abzulauschen, und somit eine concreto Kritik und Ausnutzung der mythischen Überlieferungen aller Zeiten abzugewinnen ist. Der Weg zu dieser Erkenntniß der principiellen Seite einer wissenschaftlichen Mythologie ist nach diesem Gelehrten die Analogiensammlung zunächst auf deutschem Boden, aber unter Heranziehung außerdeutscher Analoga. Für letztere freilich mangelte ihm die philologische Genauigkeit, und er steuerte mit vollen Segeln in die Analogienwirthschaft hinein.
Die beiden neuen Richtungen combinirte Mannhardt in seinen berühmten germanischen Mythen, welche den, wenn auch mit noch so vielen Irrthtimern versetzten, so doch zum ersten Male umfassen- den Beweis führten, daß die germanische Mythik die Abzweigung eines indogermanischen Mythenstammes darstellt. Aber wenn Schwartz durch philologische Mängel das Zutrauen der exacten Gelehrteuwelt verscherzte, so war Mannhardt ein schwacher Historiker und ein
*) Ich sehe von Max Müller ab, der, abseits der deutschen Forschua;,', aus eigener Kraft zu bedeutsamen Resultaten gelaugte.
ZUR MYTHOLOGISCHEN METHODIK. 3
noch schwächerer Psycholog. Von jeher hat er ohne scharfen histo- rischen BHck unter jede Rubrik alle möglichen Überlieferungen durch- einander geworfen und nicht beachtet, daß zwischen dem Alf Loki und dem drückenden Alb oder den unterirdisch schmiedenden Krüp- peln eine große Spanne Entvvickelung lag. Das Princip der Entwicke- lung fehlte ihm nicht, aber er hat nicht verstanden es anzuwenden. Auch als ihn die Strahlen kritischer Erleuchtung trafen, die von Lachmanns Grenie über alle philologische Forschung ausstrahlten, ist er, unselbständig seinen Mustern nachstrebend , immer auf halbem Wege geblieben; er hat angefangen, die griechischen Überlieferungen mit kritischer Sichtung zu behandeln; aber er ist nicht dazu gekommen, von der philologischen Quellkritik zu der psychologischen Analyse der Überlieferung überzugehen. Immer geneigt, eine Überlieferung als Ganzes hinzunehmen oder als Ganzes zu verwerfen, wußte er aber- mals dem Gedanken der Entwickelung nicht zu seinem wissenschaft- lichen Rechte zu verhelfen. Begeisterung und treuliche Arbeit war sein bestes Eigenthum ; aber ein bahnbrechender Geist wie Schwartz war er nicht, und das ist heute um so nöthiger hervorzuheben, als man anfängt über Schwartz' Einseitigkeit und kritischen Verirrungen zu vergessen, wieviel man ihm verdankt, und daß er der epoche- machendere Wissenschaftler von beiden, daß Mannhardt sein an Genauig- keit (späterhin) weit überlegener, an intuitiver Erkenntniß (der ersten Bedingung wissenschaftlicher Großthat) weit ärmerer Schüler war.
Drei methodische Sätze sind es, in denen Schwartz' For- schungen gipfeln: 1. Ein Mythus ist nur zu deuten, indem man alle seine Belege sammelt und vergleicht, bis man zu einem erleuchtenden Punkte gelangt'); 2. die philologische Quellkritik darf nicht so weit gehen, Nachrichten einer zeitlich späteren Quelle unmittelbar als die inhaltlich minder zuverlässigen anzusehen, da der spätere Bericht- erstatter vielleicht den genaueren Bericht aus dem Volksmund erhielt oder aber getreuer aufzeichnete; über die ürsprünglichkeit des Be- leges kann nur der Aualogienvergleich entscheiden; 3. jede Ceremonie ist eine Pantomime: Apolls Dracheukampf ward durch eine irdische Wiederholung gefeiert. Vornehmlich auf dem ersten Satze fußend, gelangte Mannhardt dazu, die deutschen Volksgebräuche, für welche Grimm bei'eits zahlreiche Belege gesammelt hatte, umfassend zusammen- zustellen. Dieselben waren vornehmlich ländlicher Natur, denn unser
') Die eiserne Berta, ein Sturmdämon, wird erst verständlich, wenn der Nachtrabe, ebenfalls ein Sturmdämon, mit eiserner Schwinge eine Hürde zerschlägt.
1*
L. BEER
Mythen wahrendes Volk ist vornehmlich ländlich. Mannhardt wurde aufmerksam, verfolgte den Volksglauben weiterhin uud fand ihn allent- halben besonders lebendig in Haus, Feld und Wald. Er verfolgte die. griechischen und römischen Volksbräuche: das gleiche Ergebniß. Und so kam er dazu, aus dem übereinstimmend ländlichen Charak- ter spätdeutscher, späthellenischer und spätrömischer Volksbräuche und Anschauungen zu schließen, daß auch die indogermanische Dämonie eine wesentlich vegetative gewesen sei, denn die Gottheit, welche die Vegetation gab, mußte ursprünglich selbst die Vegetation gewesen sein.
Das Register hatte aber ein Loch. Sämmtliche Gottheiten, die nach germanischer Überlieferung die Vegetation verliehen, waren atmosphärischer Natur: Odinn ein Windgott, Thor ein Gewittergott, Freyr als Vane wieder ein Windgott. Noch mehr: ein deutscher Vege- tationsgott war gar nicht aufzutreiben; denn Njördr war Vane, also wieder Windgott. .Nicht besser stand es indisch: Indra, Agni, Vishnu, Varuna — lauter atmosphärische^) Gottheiten. Ja, Welcker hatte sogar mit guten Gründen behauptet, daß die Hauptgötter fast aller Völker atmosphärischen Charakter wiesen. Endlich hat man sogar einen pangermanischen Hauptgott Tyr-Ziu feststellen wollen , einen Himmelsgott, einen deutschen Zeus: allerdings ein arges Beispiel von Analogienwirthschaft. Man betrachte folgende Tabellen (auf Grund von Fick I, 108): A. tli scheinen, blinken.
daiva :
skr. deva, göttlicli, ni. Gott
lat. divus deus
griech.
westgerm.
nord. tivar
lith. d^vas
slav. deiwaa
kelt. deivos
div: Dyaush Name, div Himmel. Tag Joupiter Zeus Tiv Tyr
diva : skr, diva Himmel. Tag lat. biduum
griech. hÖLOs'') kvöiog^)
divia :
divya himmlisch, am Tag
sub dio unter freiem H.
dlog himmlisch, göttlich
*) Unter atmosphärischen Wesen begreife ich Wesen der in der Atmosphäre sich vollziehenden Erscheinungen: also auch Sonnenschein, Regenbogen, wie anderer- seits Nebelbildung, Lichtreflexe.
*) Unter freiem Himmel.
*; Mittägig.
ZUR MYTHOLOGISCHEN METHODIK.
B. di
a daiva, b div
/?' diva, §'^ divia
|
I. |
göttlich |
Gott |
I. |
II. |
III. |
IV. |
|
II. |
Göttername |
skr. a |
h |
bß'ß^ |
bß'ß |
|
|
III. |
Himmel |
griech. ß^ |
b |
ß'ß' |
ß' |
|
|
IV. |
Tag |
lat. a westgerm, nord. a lith. a slav. a kelt. a |
b b b |
ß' |
/?' |
Aus diesen Tabellen ergibt sich, 1. daß die indogermanischen Götternamen von der Wurzel di sämmtlich dem Thema div abgebildet sind; 2. daß diesem Thema nur im Skr. die Bedeutungen Himmel, Tag beiwohnten, griech. und latein. Weiterbildungen des Thema div; germ., lith., slav., kelt. überhaupt der Wurzel di Worte dieser Be- deutungen nicht abgebildet wurden; daß folglich von einem deutsehen Himmelsgott 7Vü keine Rede sein kann; 3. daß von der Wurzel di alle^) indogermanischen Sprachen 2) ein Appellativ 'göttlich' abgebildet haben, welches somit der Bedeutung 'leuchtend, glänzend"* entsprang; 4. daß mithin die Namen Dyaush, Joupiter, Zeus, Tiv nichts bedeuten als der Leuchtende'; eine Bedeutung, welche sie mit anderen Götter- namen theilen, und die wohl auf ein großes Alter, keineswegs aber auf eine ehemalige Omnipotenz des germanischen Tiv zurückschließen läßt; 5. daß auf indogermanischer Stufe den Göttern die Eigenschaft des Leuchtens, Glänzens als wesentlich zu- geschrieben wurde, mithin ihre atmosphärische Natur dominirte.
Dieses Ergebniß hat nichts Erstaunliches. Der primitive Mythus ist eine naive Naturanschauung, eine Auffassung des Unbegreiflichen nach Analogie des Begriffenen. Diese Auffassung konnte nur statt- finden, wenn ein tiefer Eindruck das Gemüth aufregte; nicht der ErkenntniÜwerth: d er Gefühlswerth bestimmt die Mythen — wie jede Begriffsbildung. Die fürchterlichen Erscheinungen des atmosphärischen Übels und die wiederkehrende Wohlthat der Himmels- heiterkeit mußten die unmittelbar wirksamsten Factoren der Mythen- bildung werden.
Die Vegetation als solche trat erst in den Gesichtskreis des Menschen, als er aus einem vornehmlich von Fleisch lebenden ein auch Pflanzen verzehrendes Wesen wurde. Zu jenem erzog ihn zu-
') Dem Westgerman. ist das Appellativ wohl nur verloren gegangen, ') Das Griechische erst mittelbar.
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nächst der Kampf um das Dasein: die Nachbarschaft der wilden Thiere gebot die Jagd. Erst mit dem Beginne des regen Ackerbaues, der, wie nunmehr nachgewiesen, der indogermanischen Epoche noch nicht angehörte, erst in jener Periode der Seßhaftigkeit in cuhivirten, relativ entwildeten Geländen, denen man mit steigender Intensität die Frucht des Bodens abgewann, mußten sich, bei der Abhängigkeit des Menschenwohls von Saat und Ernte, die Korngeister entwickeln; aber auch sie waren, wie E. H. Meyer bereits andeutete und hoffent- lich bald eingehend beweisen wird, der atmosphärischen Dämonie entwachsen; ist doch der Wind je nach dem der Förderer oder Ver- eiteier der Befruchtung. Daß die Waldesvegetationsdaraonie einen wichtigen Bestandtheil ebenfalls von der Sturmdämonie empfing, die am erhabensten im Walde sich kundgibt, hat wieder Meyer angedeutet; sie hat außerdem noch eine Reihe verschiedenartigster Mythenelemente aufzuweisen, die leider Mannhardt alle in Bausch und Bogen ver- arbeitete. Alles, was mit der Zeit an den Wald sich knüpfte, hat er wie dem Baum entwachsen aufgefaßt; und bezeichnend ist, daß er seine Construction des deutschen Baumcultus an den Parallelismus von Mensch und Baum knüpfte. Der Mensch soll einmal v.'ie ein Baum der Erde entwachsen sein: warum? etwa weil man das Baum- leben nach Analogie des Menschenlebens erklärte? umgekehrt: weil man das Räthsel der Menschenexistenz aus der Baumexistenz zu begreifen suchte! In dem einzigen Punkt, in welchem einmal Menscli und Baum gleichgesetzt wurden, ist der Mensch dem Baume, nicht der Baum dem Menschen angeglichen worden.
Von E. H. Meyer steht ein Handbuch der Mythologie in Aus- sicht; es ist zu hoffen, daß mit ihm die Theorie einer ursprünglichen Vegetationsdämonie dahinfällt. Außer mit dieser Theorie gilt es, sich mit zwei weiteren auseinanderzusetzen. Die eine stammt von dem ehrwürdigen Nestor der mythologischen Forschung; von Max Müller. Sprachwissenschaftler von ganzer Seele, hat er mit den Augen des Sprachforschers die Mythik betrachtet. Sie war ihm eine Phase der Sprachbildung, oder richtiger: die Degeneration einer solchen Phase. Ein Gegenstand hatte z. B. ursprünglich nach verschiedenen Eigen- schaften mehrere Benennungen, von denen nur ein einziges Synonym mit der Zeit überdauerte; die übrigen hielten sich idiomatisch, in Sprüchwörtern, im Dichterwort etc.; man verstand ihre Beziehung nicht mehr, nahm sie als Wesenheiten für sich: und der Mythus war fertig. Z. B. die in die Fluthen tauchende Sonne sei als Frosch bezeichnet worden: nach Verlust der Anschauung habe sich daraus
ZUR MYTHOLOGISCHEN METHODIK. 7
der Froschjüngling ergeben, der, wenn er das Wasser sab, in Frosch- gestalt in dasselbe habe untertauchen müssen. Ein anderer Mythen bildender Factor ist ihm die Homonymie: der Umstand, daß in Folge einer gemeinsamen Eigenschaft verschiedene Dinge eine gemeinsame Benennung erhalten*). Auch hier entstehe der Mythus, indem gleich- sam die Sprache in den Zustand des Selbstvergessens verfalle: die alte Bedeutsamkeit nicht mehr verstanden werde. Müller unterliegt bei dieser Theorie einem psychologischen Irrthum, den die Wissen- schaft noch nicht allzulange aufgeklärt hat: Der Mensch denkt keines- wegs in Worten, zumeist in Vorstellungen. Selbst wir, die wir in unserer redegewohnten Zeit die langsamen Gedankenprocesse vielfach in Worten durchlaufen, vollziehen unsere schnellsten Denkprocesse (man denke nur an ein schnelles Überlegen, blitzartiges Überschlagen aller Eventualitäten) nur durch Vorstellungsverlauf. Angenommen also, die Sonne wurde einmal als Frosch angesehen, so war das eine Vorstellung, keine Benennung; die Benennung setzte nur die Vor- stellung in Umlauf. Die Sprache ist dem Verkehr entsprungen, die Vorstellung dem individuellen Seelenleben. In dem Umlauf allerdings brauchen sich die Worte ab, verändern sich die Bedeutungen; das Wortspiel, der Wortwitz, die Volksetymologie treten hinzu; und inner- halb der Grenzen, in welchen Laistner (Nebels.), allerdings etwas zu ausgiebig, von der Homonymientheorie Gebrauch macht, sind Homo- nymien und Synonymien als mythenfortbildende, umbildende Ele- mente anzuerkennen; nur bleibe man sich klar, daß der Mythus als solcher Anschauung, das Wort Mittheilung dieser Anschauung ist, und daß alle Zeiten ununterbrochen mythenbildend thätig sind: nicht indem sie vergessen, sondern indem sie wahrnehmen.
Die zweite Theorie, die MüUenhoffs, ist eine litterarhistorische. Die Mythologie interessirte ihn nur von dem Standpunkt des Erforschers der deutschen Heldensage, und diese ist ein Capitel der Litteratur- geschichte. Die Sagengeschichte ist ein Capitel menschlichen Dichtens; und indem er die Sagen zurückverfolgte bis in ihre ersten Anfänge, fand er nichts als Dichtung: bei den Dichtern in gebundener, bei den Nichtdichtern in gemeiner Rede. Müllenhoff hatte ganz Recht : etwas Gemeinsames ist zwischen Dichten und Naturanschauung. Aber er vergaß den Unterschied zwischen activer und passiver Phantasie. Jede Vorstellungsauslösung entspringt der Phantasie, ohne Gedicht zu sein. Wenn man am Gründonnerstag Grünkohl essen soll oder
') Z. B. Erde wie Wolke als Kuh.
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das Rothkehlchen ob seiner Farbe den Blitz herabzieht, so ist das ebenso concrete Phantasiethätigkeit, wie wenn Thor einen rothen Bart hat oder man in der Wolke einen Wasser gießenden Brunnen findet. Aber die Phantasie verhält sich passiv bei dieser Thätigkeit; ohne Willens- irapuls erweckt eine Vorstellung die andere, ergänzt sich das Un- bekannte vermittelst eines associativen Momentes aus der Masse des Bekannten. Das Dunkel der Nacht und des Unwetters, das Rollen des Donners, des Bergsturzes, der Kegelkugeln, der Kellerfässer ordneten sich naturnothwendig zusammen, und wäre die Mythenneu- bildung heute noch von genügender Lebhaftigkeit, so würde das Volk naturnothwendig im Gewitterlärm das himmlische Geschützfeuer ver- nehmen. Ahnlich verhält es sich zunächst mit der Sagenbildung, welche sich um historische Persönlichkeiten oder Ereignisse krystallisirt. An die deutsche Kaisersage sind eine ganze Reihe atmosphärischer Mythenelemente durch passiv associative Auslösung angewachsen; der Todtenkampf über den katalaunischen Gefilden ist ein weit ver- folgbarer atmosphärischer Mythus. Um ein Ereigniß von starkem Gefühlswerth, sei es aus dem Natur- oder Menschenleben, als Kry- stallisationscentrum schießen die phantastischen Mythisirungselemente reichlich zusammen, noch ehe ein Erzähler von Initiative mit schöpfe- rischer Willkür an die Ausgestaltung der Überlieferung herangetreten ist. Festzuhalten ist also: der Mythus entspringt passiven Vorgängen der durch Ereignisse von Gefühlswerth aufgeregten Phantasie: er ist die ohne Willensimpuls erfolgende associative Angleichung des Un- bekannten an das Bekannte.
Die Sprachforschung') lehrt, daß das indogermanische Urvolk sich über eine weite Fläche ausdehnte, weit genug, daß verschiedenen- orts verschiedene dialektische Differenzirungen eintraten und ver- schiedenenorts aufkommende neue CulturbegrifFe in relativ kleinen Bezirken herrschend wurden. Solche Bezirke aber berührten und kreuzten sich mannigfach, und so ergab sich das complicirte Verwandt- schaftsverhältniß der späterhin getrennten Einzel Völker. Ähnlich ist das mythische Urverhältniß zu denken. In indogermanischer Zeit haben (vornehmlich) atmosphärische Vorgänge mythenbildend gewirkt; man verstand sie gemäß Vorgängen des täglichen Lebens: die Wolken als Heerden, die Wetter als Kämpfe, die Wasser als Milch der Wolken- kühe etc. Verschiedenenorts verstand man sie verschieden; solche Auf- fassungen wanderten und wurden Gemeingut gewisser Districte. Indem
') Vgl. Öchiader, Sprachvergleichung'lSö.
ZUR MYTHOLOGISCHEN METHODIK. 9
sich solche Gebiete theilweise deckten, vermischten sich die disparat entstandenen Anschauungen und wurden mit einander in Einklang, in Compromiß gesetzt; sie verwuchsen und verglichen sich. Diesen Vor- gang kann man jederzeit verfolgen. Bei den Einen ist heute der Sturm ein rollender Fuhrmann, bei den Anderen der jagende Hackelberg, bei Dritten der eiserne Nachtrabe. In Folge dessen wird auch be- richtet, daß Hackelberg ein Fuhrmann gewesen; Anderen fliegt der Rabe dem Jäger oder Fuhrmann voraus, Dritten ist er gar ein ver- n uns ebener Fuhrmann.
Die atmosphärischen Erscheinungen tragen stets den Charakter einer Vielheit. Es sind viele Wolken, viele Blitze, viele Gestirne, vielstimmige Winde. Darum steht zu Anfang jeder Religion eine Poly- daimonie. Es sind aber auch Einheitsmomente vorhanden, wie das Alles verklärende Sonnenlicht. So mag es gekommen sein, daß aus der Polydaimonie sich local eine oder einzelne Gottheiten herrschend erhoben. Dieselben erwiesen sich furchtbar oder segensreich; man war von ihnen abhängig. Hier setzt der Cult ein und mit ihm die Religion.
Dem Cult ist eigen die Ceremonie. Der naive Mensch spricht eindringlich durch Geberden. Noch bis auf unsere Zeit flehte der Ackerbürger um Regen, indem er Idol oder Symbol begoß oder in Wasser tauchte; um Fruchtbarkeit, indem er sich neben ein Weib auf das Ackerfeld mit der Geberde der Zeugung legte ').
An die Ceremonie hat sich dann naturnothwendig das begleitende Wort geschlossen, und zwar, da der gehobenen Handlung der Rhyth- mus eigen, die rhythmische Rede, deren so vielleicht der Mensch überhaupt mächtig wurde. Natürlich handelte das begleitende Wort von dem Inhalt der Ceremonie: von der Götterthat, dem Weltereigniß. Es ist bekannt, daß hier Epos und Drama ihren Ursprung haben.
Die naive Naturanschauung, der primitive Mythus , mußte nach anderer Richtung eine Ausgestaltung erfahren. Sobald sie nach Maß- gabe menschlicher Verhältnisse sich gestaltete (beispielsweise das Gewitter als ein — wiederkehrender — Kampf), verfiel sie der moti- virenden Phantasie: aus der Anschauung wurde ein begründetes (aber nicht vor Zeiten geschehenes, sondern wiederkehrendes) Ereig- niß2): eine Fabel. Diese Fabel pflanzte sich von Mund zu Mund,
^) Daß es sich hierbei nur um einen Fruehtbarkeitszauber handelte, nicht die Nachahmung eines himmlischen Vorganges, zeigt der analoge Gebrauch, das Baum- pfropfen von einem nackten Mädchen vollziehen zu lassen, dem ein Mann unnatürlich beiwohnte.
') Z. B. der Gewitterkampf begründet durch den Frauenraub.
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gestaltete sieb weiter aus, wurde immer menschlicher und .schließlich ein einmaliges, vormaliges Ereigniß: eine Sage^). Auf dem Wege beständiger Fortbildung entwickelte sich so die schlichte Fabel zum complicirten Roman, aus dem der Redegewandte, der Poet, künst- lerische Gebilde schuf: jener Kunst folgend, die er dem Cult ab- gelernt.
Die Ausgestaltung eines Mythus war zu allen Zeiten vornehm- lich^) eine folgerichtige Ausmalung der Consequenzen gegebener Ver- hältnisse. Prämisse: eine gespenstische Kuh geht um. Folgerung: wehe, wem sie begegnet. Zweite Folgerung: Der Nachtwächter muß ihr zwar begegnen, aber ihm schadet sie nicht. Der Blick des Basi- lisken tödtet; um ihn zu tödten, hält mau ihm also einen Spiegel vor: die verbreitete Sage vom Spiegeldrachen. Weit verbreitet ist die Sage von Fluthen entstiegenen Stieren (eine nachweislich atmosphärische Anschauung) : natürlich vermischen sie sich auch mit irdischen Rindern. Natürlich sind die erzielten Kälber von besonderer Schönheit. Im Walde weilen Waldfrauen. Natürlich vermischen sie sich auch mit Menschen: das Weib unterliegt dem Gesetz der Zeugung^). Weit i'crbreitet tanzen Wasserfräulein über Quellen und Seen (Nebelmythen). Natürlich kommen sie auch in das Dorf zum Tanze. Wenn sich das Wasser blutroth färbt (Luftspiegelung?), hat der grausame Nick in der Tiefe eine Blutthat vollbracht*). Die Wasserjungfern verspäten sich einmal beim Dorftanze, und wie sie untergetaucht sind, steigt ein Blutstrahl auf: sie büßen mit dem Leben.
Gleichen Fortbildungen ist jeder lebendige Brauch unterworfen: der Maibaum wird als Fetisch wider Übel aller Art auf Haus oder Stall gepflanzt, aber auch vor Liebchens Kämmerlein oder die Schwelle eines hochwohlweisen Magistrats zu gebührenden Ehren. Wehe dem Mägdlein, dessen Leben nicht unbescholten; statt des blühenden Baumes erhält es einen dürren Besen.
Eine ganz bestimmte Art der Fortbildung ist die zum Popanz. Die Kinder sollen nicht die Halme niedertreten: man warnt sie vor
') Die Worte Mythus und Sage siud im Grunde gleichbedeutend; aber es ist der Weg der Sprachfortbildung, daß ursprünglich gleichbedeutende Ausdrücke der Verdeutlichung verschiedener Nuancirungen dienlich werden.
') Ein weiteres Moment ist die Auwanderung fremder Bestandtheile und die Verschiebung der Motive.
') Sollte man glauben, daß ein bedeutender Forscher in dieser einfachen Fort- bildung den unwiderstehlichen Eindruck der Waldnatur erblickte?
*) Eine von den tanzenden Jungfrauen ganz unabhängig auftretende Auffassung.
ZUR MYTHOLOGISCHEN METHODIK. U
der Kornmutter ^) , die im Getreide sitzt, Kinder fangend und tödtend. Zu Fi-au Holle im Berg kommen die unartigen Kinder '■'), Eine andere Fortbildung ist der Spuk, das Gespenst. Frau Holle als Nebel- gestalt wird zum Trunkenbolde äffenden Spuk. In nordischer Über- lieferung wird Kari zum Windspuk, der in der Julnacbt mit den Fenstern klappend die einsamen Mädchen zu Tode ängstigt. Das Alles, wie der Fetischismus, sind späte Fortbildungen, als solche von einer concreten mythologischen Forschung bei Seite zu setzen.
Mit atmosphärischen Mythen hat die Mythik begonnen; und vor- nehmlich atmosphärische (Nebel — Wolken — Wetter — Irrlicht — etc.) Mythen sind es, mit denen sie fort und fort bereichert wird. Mit der Zeit wandelten sich des Volkes Wohnsitze, Lebensgewohnheiten, Anschauungen. In der Folge auch seine Mythik. Wie aber nach Schraders (180) richtiger Bemerkung neue Begriffe, sofern sie nicht, mit neuen Culturgegenständen übernommen, ihre Namen mitbrachten, aus dem eigenen Sprachreichthum heiaus 'sich ergänzend benannt werden, so gilt für die Mythik, daß neue Eindrücke der Natur mit Hilfe alterworbener Anschauungen erfaßt werden: wie jede Mythik das UnbegriflFene nach Analogie des Bekannten auffaßt, so werden neu zu Bewußtsein gelangende Erscheinungen nach Analogie der vorhandenen Naturauffassung versinnlicht. Ohne Noth schafft kein Volk neue Worte; so lange das vorhandene Material reicht, wird es verwandt: gewandelt, nicht vermehrt. Dem entsprechend durchwandelt das Korn in der That der alte Windwolf, der Grauhund der Wolke^), und, wie er zum Korndäraon verschoben, erscheinen Eber und Roß: alte Windwolkengestalten, Dämonen oder Trabanten befruchtender atmosphärischer Gottheiten. Jedes spätere Zei'talter wirth- schaftet fort mit überkommenem Capital.
Innerhalb all dieser verschiedenen Phasen der Mythenfortbildung zu einfachen und complicirten Fabeln und Romanen einerseits, zu Religion und Ceremoniell andererseits greift ein bedeutsames Moment ein: die Wanderung*). Anschauungen und Gebräuche, Volkserzählungen und Gedichte wandern von Mund zu Mund. Getrennt Entstandenes
*) Über deren ursprünglich atmosphärische Natur Laistner willkommene Anhalts- punkte gewährt hat. (Nebels.)
^) Ursprünglich alle Kinderseelen.
') Wenn der Wind das Korn bewegt, sagt man: der Wolf geht durch (über) das Korn.
*) Ein Momeni, das Müllenhofi" bei seiner berechtigten Forderung, die Über- lieferung an Ort und Stelle festzuhalten, zu wenig beachtet.
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wird vereinigt; eine schlichte Überlieferung macht vevschiedenenorts divergirende DifFerenzirungen durch, diese begegnen sich von Neuem, werden vom Erzählermimd combinirt oder mischen sich unwillkürlich in des Berichterstatters Gedächtniß, mit einander verwachsend. Fast jede auf uns gekommene Überlieferung ist ein complicirtes Resultat von Fortbildung, Anwanderung, Compromiß, Corabination, Verwachsen. Einzelne Züge werden beliebt und wandern von Sage zu Sage. Ein- zelne, ehedem bedeutungsvolle Züge werden leeres Wanderrequisit: Wunderschwerter, undurchdringliche Gewänder. Wenn Freyr zu Hai- ders Leichenfeier auf dem Eber reitet, so wird ihm dieser lediglich als typisches Requisit beigegeben.
Diese Wanderverhältnisse, Avelche Gustav Meyer in so ver- blüffender Weise für die Märchenkunde erwiesen hat, sind auch für die Erscheinungen des Polytheismvis in Betracht zu ziehen. Die meisten Göttergestalten wie der Griechen so der Germanen stehen einander ganz nahe in ihrer Bedeutung; Odinn der Sturmgott ist auch Dämonenbekämpfer ') und Fruchtbarkeitsgott, herrscht in den Wolken wie im Meer, sein Speer scheint den Blitz zu bedeuten; alle diese Eigenschaften treffen für Thor zu, der größte Theil für Freyr, ein Theil für Tyr, der mit Odin und Freyr auch die Sonnengottschaft und mit allen genannten die jahreszeitliche Bedeutung gemein hat"). Folglich können alle diese Götter nicht gleichen Ortes gleichzeitig entstanden sein; sie müsseu sich durch Wanderung zusammengefunden haben. Max Müller hat darauf aufmerksam gemacht, daß die Veden kein System kennen: der Vater ihnen bald der Sohn, der Bruder der Gemahl ist. Ahnlich verhält es sich bei den Germanen: nur für den Norden ist ein (schwankendes) Göttersystera festzustellen, sonst tiberall lediglich ein -beschränkter Polytheismus zu erweisen. Nicht viel anders in Griechenland, wo das ausgebildete System nur für die unter natürlichem Zwang ihrer Kunst systematisirenden Dichter zu existiren scheint. So ergibt sich mit Nothwendigkeit: jedes System ist ein Compromiß zusammengewanderter Gottheiten, die alle, hieratisch in den Cult übernommen, mit einander in Aus- gleich gebracht und nach Analogie menschlicher Verhältnisse genea- logisch verknüpft wurden. Das System hat nur die Bedeutung einer Phase; einer Phase aber zu ihrem historischen Rechte zu verhelfen, das vermag nur eine principiell gefestete Geschichtswissenschaft.
') Das Alles soll andrenorts verfolgt werden.
') Daß Balder die meisten der erwähnten Züge ursprünglich zukamen, haben Grimms und MüUenbofifs Untersuchungen wahrscheinlich gemacht.
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Der Zusammenfassung dei* Götterwelt zu Systemen entspricht die Zusammenfassung der Sagenwelt zu Cyklen: Beides Werke der Tendenz des menschlichen Bewußtseins auf einheitliche Auffas- sung. Um eine heroische Gestalt oder That kry stallisiren sich alle möglichen Überlieferungen. Die hellenische Ilias, die nordische Lokimanie haben cyclische Sagenansamralungen und Sagenuuibil- dunsren veranlaßt. Der zürnende Held, der bettelhaft zurückkehrend die Buhler seines Weibes erschlägt, wächst au die Troersage: er ist einer der von Troja heimkehrenden Helden, unterwegs gescheitert; und in den Rahmen zwischen Ilias und Nostos krystallisirt sich eine Welt von Schiffermärcheu. Im Norden hat eine Zeit hindurch der Weltuntergangsmythus vorgeherrscht und alle erreichbaren Sagen augeglichen. Dichter haben kosmogonische Phantasien verfaßt und alles geeignete Material eingeordnet. Um die Gestalt des Siegfrid und seine speciiische Heldenthat krystallisirte sich eine Anzahl Abenteuer; um dieses Centrum erwuchs ein Geschlechtsroman , und das Ganze wurde local in einen künstlerischen Rahmen ethischen Inhalts ein- geordnet: enthaltend den Fluch des (geraubten) Goldes, der erst er- lischt mit seinem Heimfall.
Mythus, Fabel, Roman, Cyklus sind streng zu scheiden. Dem ersten ist es zu thuu um die Auffassung, der zweiten um die Moti- virung, dem dritten um die Ausgestaltung, dem vierten um die Zu- sammenfassung. Man wird zugeben, daß unter solchen Verhältnissen die strengste Analyse erforderlich ist: nicht allein für die Gedichte, für jede Sagenüberlieferung,
Fassen wir diese gesammten Erörterungen in einen Satz zu- sammen, so lautet er dahin, daß disparat entstandene, gewanderte und verglichene oder verwachsene Naturanschauungen auf allen diesen Stadien sich zu Glauben, Bräuchen, Sagen fortentwickelten, und daß alle diese Gebilde auf allen Stadien ihrer Entwickelung wanderten, sich mischten, verglichen, verwuchsen. Hiermit sind wir angelangt bei der methodischen Fragestellung: 1. Wie gruppirt sich das überkom- mene Material (bezgl. wie ist es gruppirt worden)? 2. Wie ist es wissenschaftlich zu bewältigen?
Die Uberlieferuugsmasse enthält: 1. Volksglauben sehr verschie- dener Art: d) Glauben, der sich direct anschließt an Götter und Dämonen, an deren Walten und Persönlichkeit; freilich aus sehr verschiedenen Zeiten und auf verschiedensten Entwicklungsstufen; 6) Glauben unangesehen Götter uud Dämonen: die Menschen als Bäume gewachsen; c) Glauben auf der Stufe von Spuk uud Popanzen-
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thum (Schamanismas). 2. Volksgebräuche: entweder rituell-ceremo- nieüer Natur oder abgeleitetes Amuletenthum, Fetischismus; die ersteren theils entsprungen dem Volksglauben betreffs Götter und Dämonen : pantomimische Bitten, Demüthigungen, Lobes- und Dankeserhebungen — theils irgend einer Ideenassociation entsprungen, wie das Verbot, bei Mond wachs thum Bäume zu fällen; die letzteren theils degradirte Cereraonien, ihres rituellen Charakters entkleidet, oft unverstanden und mißdeutet oder falsch angewandt, nur im Gerüche der Heiligkeit stehend und für das Wohlergehen unerläßlich, bezüglich zu allerlei Erwünschtem verhelfend — theils Amulet gewordene Symbole oder Attribute der Gottheit — theils aber auch unangesehen irgendwelchen rituellen Ursprungs auf natürliche Analogieübertragung zurückgehend; so das Durchkriechen wachsthurasschwacher Kinder durch die Wur- zeln sprossender Stämme: es soll etwas von der Triebkraft übertragen werden. Volksglauben und Volksbräuche, soweit sie nichts mit Göttern und Dämonen zu thun haben, faßte man zusammen unter dem Namen Volkskunde. 3. Prosaische Volksüberlieferungen einmaliger Erleb- nisse, vielfach Volkssagen genannt: fabulirende Auswüchse wirk- licher Begebenheiten von Gefühlswerth, sei es einmaliger historischer oder wiederkehrender Naturereignisse. 4. Prosaische Volksüberliefe- rungen unmöglicher, von Niemandem erlebter Wunderdinge: die Mär- chen; theils eingewandert, wobei wiederum die angewanderten heimi- schen Elemente, die nationalen Anwüchse abzuscheiden und für sich zu betrachten sind — theils local erwachsen als Ausartung hieratischer Wunder zu unmöglichen Phantasmen. Denn dem Märchen als solchen ist das unbegreiflich Wunderbare, das ungezügelt Fabulirende wesens- eigenthümlich und Selbstzweck; was bei den Buddhisten moralisirende Legende war, wurde abendländisch staunenerregende Phantastik; und ganz dem nämlichen Entwicklungszustand streben im Volksmund die alten Mythen von der Jungfrau auf dem Glasberg und dem Jung- frauen raubenden Drachen zu. 5. Poetische Überlieferungen von ein- maligen Ereignissen der Götter- und Heldenwelt. Sie tragen einen durchaus individuell dichterischen Charakter, werden aber gleichwohl mit den Volkssagen unter die 'Sagenkunde' begriffen, während wie- derum die Märchenkunde mit der Volkskunde verquickt wird. Hiera- tischer Volksglauben und Volksbrauch, der an Götter und Dämonen anknüpft, Volkssagen und poetische Überlieferungen hieratischen In- halts werden unter dem Namen 'Mythologie' zusammengefaßt. Also eine auf ungenügender Kenutniß des Materials beruhende unpraktische Namengebung. Denn es ist klar, daß die hieratischen und die nicht
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hieratischen ISaturauscbauuiigen für eine Naturgeschichte des mensch- lichen Geistes, als welche jede Geisteswissenschaft zu fassen ist, nicht trennbar sind, die Volksbräuche verschiedenster Art den nämlichen psychologischen Gesetzen entspringen und alle Arten der Volkssage den nämlichen Gesetzen ihren Eutwicklungsverlauf verdanken. Man muß sich bewußt bleiben, daß jeder Volksbrauch auf einen Volks- glauben, ein Theil der Volkssagen auf Volksglauben und Volksbrauch, die einheimischen Märchen bezüglich Märchenelemente auf Volks- glauben, -Brauch und -Sage zurückgehen, das Sagengedicht aber eine freie dichterische Schöpfung auf Grund eines vorhandenen Materials von Volksglauben, -Brauch, -Sage und -Märchen ist. Der Mutterboden dieser Entwickelungsreihe ist also der Volksglauben, d. i. eine Summe von Naturanschauungen, welche die unbekannten Naturvorgänge nach Analogie der bekannten auffassen: die Wolkenheerde als Lämmer- heerde, den Donner als Bergsturz oder flammerwurf, den Regen als Brunnenwasser oder nährende Kuhmilch, den Menschen als losgelösten Baum. Um ihn zu gewinnen, muß man studiren: 1. Die litterarische Eigenthümlichkeit jedes Sagengedichtes: wer hat es verfaßt, zu wel- cher Zeit, für welches Publikum, auf was abzweckend, aus welchem Anschauungskreis, von wem beeinflußt, unter Verwendung welcher Elemente? 2. Die genetische Eigenthümlichkeit jedes Märchens: was ist einheimisch, was zugewandert, unter Ersterem was typisches Re- quisit, was nach Clustern, was Grundstock, was zusammengewandert, aus was die überlieferten Bestandtheile verschoben? 3. Die genetische Eigenthümlichkeit jeder Volkssage, hieratischer wie nicht hieratischer: wie, wo und wann entwickelte sie sich, unter Mitwirkung welcher psychischen, physischen und historischen Bedingungen, unmittelbar anknüpfend an eine Naturanschauung? unter Anwachsen von Wander- elementen? unter logischen Folgerungen aus gegebenen Prämissen, Compromiß, Combiuation und sonstigen Fortbildungen? mithin eine Herausschälung des Sageukernes unter Feststellung a) der fortbilden- den Elemente, ß) der Gesetze der Fortbildung, y) der Gesetze der Wanderung, d) des Inhaltes der isolirten Grund- und Nebenbestand- theile. 4. Das Verhältniß des Volksbrauches zum Volksglauben und das historische Verhältniß der verschiedenen Arten der Volksbräuche zu einander: eine Studie der pantomimischen Ceremonic einerseits, des abergläubischen Fetischismus andererseits. 5. Die Feststellung und historische Kritik des überlieferten Volksglaubens jeder Art, um zu gewinnen: a) das Verhältniß des primitiven Mythus zu dem Natur- ereigniß; h) die Gesetze seiner Fortbildung zu Fabel, Roman, Gyklus
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(System, Genealogie) einerseits, zu Religion, Cultus, Ceremouie anderer- seits. Auf diese Weise wird man eruiren : I. eine Summe verschiedenen- orts und verschiedenzeitig entstandener Naturanschauungen , II. die Gesetze, nach welchen dieselben entstehen, und III. nach welchen sie sich fortbilden. Es ist dann schon eine wissenschaftliche That, eine einzige Sage zu isoliren und nach ihrer Natur, Verbreitung, Wandelung und Wanderung zu ergründen, einerlei, ob sie älter oder jünger, hieratisch oder profan, urdeutsch oder eingewandert, dem einen oder dem anderen Gotte zugeschrieben sei. Dann sind die Auf- gaben der Mythologie als der Wissenschaft von den Naturanschauungen hieratischer Bedeutung (und ihren Fortbildungen in Sage und Dich- tung) nur lösbar als Theil einer Geisteswissenschaft, welche anstrebt, den Gesainmtbestaud der überlieferten Sagengedichte, Sagenprosen und Märchen; Ceremonien und Qacksalbereien wie Fetischismen; Götter- himmel und Dämonenreiche wie Schamanismen und Popanzen ; Natur- anschauungen hieratischen wie profanen Inhalts zu untersuchen auf die Gesetze ihres Werdethums und ihrer Entwickelung. So schwer für eine derartige Wissenschaft eine umfassende Benennung zu finden wäre, so bestimmt steht ihr Programm da: wie die Sprachwissenschaft die Sprache als ein spätes und complicirtes Product einer unabsehbar langen Entwickelung auffaßt und deren Entwickelungsgesetze, Ur- elemente, spätere Bereicherungen zu ergründen sucht, so hat eine Wissenschaft von Volksglauben, -Brauch und -Überlieferung das über- kommene Material (zunächst national) als Entwickelungsproduct aufzu- fassen und diese Entwickelung: ihre Gesetze, die Urelemente, die An- wüchse oder Verschiebungen, festzustellen; wie die Sprachgeschichte darthut, daß alle Sprachen unserer Völkerfamilie einem gemeinsamen Mutterboden entwachsen sind, so sind die nationalen Überlieferungen an Glauben, Brauch und Sage zurückzuführen auf einen indoger- manischen gemeinsamen Bestand von Urelementen; wie unter den sprachlichen Urelementen verschiedene Wurzeln die gleiche Bedeutung aufweisen, also verschiedenenorts zur Befriedigung eines identischen Bedürfnisses entstanden, durch Wanderung Gemeingut und im Com- promiß verglichen wurden, so haben sich auf dem Gebiete der Natur- anschauungen indogermanischer Zeit für den nämlichen Vorgang ver- schiedenenorts die verschiedensten Auffassungen gebildet, durch Wande- rung vermischt, in Compromissen geschlichtet oder innige Verbindungen eingegangen; und so sind ferner aus der Polydämonie verschiedenenorts verschiedene Gottheiten von nahezu identischem Gehalt erwachsen, die durch Wanderung von Mund zu Mund sich zusammenfanden und im Compromiß genealogisch und systematisch vereinbart wurden.
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Eine historisch-kritische Zurrtckführung der gegebenen hierati- schen wie nicht hieratischen Überlieferungsmasse an Sage und Brauch, Glauben und Aberglauben auf ihre Urelemente und Entwickelungs- gesetze, ein indogermanischer Bestand gemeinsamer Urelemente, eine principielle Entwickelungsgeschichte dieser Elemente zu ihren späteren Gebilden in Religion und Sagenthum: das ist das Prognostikon, das dieser Geisteswissenschaft zu stellen ist.
BERLIN, 21. Mai 1887. L. BEER.
DER NORDISCHE TRISTANROMAN UND DIE ÄSTHETISCHE WÜRDIGUNG GOTTFRIEDS VON
STRASSBURG.
Bis zum Jahre 1878, wo Kölbing den nordischen Tristanroman edirte^), wußte man, daß Gottfrieds Tristan, die Bruchstücke des Thomas (bei Fr. Michel), das englische Gedicht und die nordische Sage im Allgemeinen derselben Tradition folgten. Vollständig bekannt gemacht wurde der nordische Prosaroman zuerst von Kölbing und konnte daher auch erst von diesem Zeitpunkte ab in Bezug auf seinen Werth für die Beurtheilung des deutschen Tristandichters geprüft werden. Kölbing hat dies in der Einleitung zu seiner Ausgabe gethan und ist zu einem 'Resultat gekommen , welches die frühere Auffassung von Gottfrieds Werk gänzlich verwirft. Wegen der Wichtigkeit dieses Urtheils für meine ganze Untersuchung will ich hier Kölbings Worte vorausschicken; er sagt Einleitung p. CXLVII ff.: y,Am resultat- reichsten erscheint mir die auf dem vorigen Bogen gebotene Unter- suchung für Gottfried von Straßburg zu sein. Wir wissen jetzt ziem- lich sicher, daß er nach dem Gedichte des Thomas gearbeitet hat. Als Repräsentant für dessen verlorene Abschnitte gilt uns die Saga. — Jetzt erst sind wir wenigstens annähernd in der Lage, uns über das Verhältniß dieses Dichters zu seiner Quelle ein Urtheil zu bilden. Wir können dasselbe dahin zusammenfassen, daß Gottfried sich in Allem, was den sachlichen Inhalt seiner Vorlage angeht, peinlich genau an dieselbe gehalten, ja lange Stellen fast Wort für Wort über-
') Die nordische und die englische Version der Tristansage, herausgegeben ron E. Kölbing. I. Theil: Tristrams Saga ok Isondor, herausgeg. von E. Kölbing. Heil- bronn 1878.
GERMANIA. Nene Reihe XXI. (XXXIII.) Jahrg. 2
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tragen hat. Modificationen oder Weglassungen hat er sich nur dann erlaubt, wenn sein für das wirklich Poetische fein angelegter Ge- schmack sich gegen ein Thema oder einen Ausdruck ablehnend ver- hielt, aber selbst dann weist er uns — wenigstens an einer Stelle — selbst darauf hin. Gottfried ist, ebenso wie Hartmann, ein feinsinniger Übersetzer, nur daß er freilich die Befähigung hierzu in noch wesent- lich höherem Grade besitzt als jener; als einen Dichter, welcher in selbständiger Gestaltungskraft über seinem Stoffe steht, der Uneben- heiten des Originals bessert oder ausgleicht, die Darstellung modernen Verhältnissen näher bringt, sich volksthümlicher zeigt, aus bewußter Welt- und Menschenkenntniß ändert, Charaktere veredelt im Ver- hältniß zu seiner Quelle, mit einem Worte, als einen so idealen und großen Geist, als welchen ihn Heinzel ^) hinstellen möchte, werden wir ihn von jetzt ab nicht mehr zu betrachten haben. Diese herbe Ent- täuschung wird nun vielleicht dazu dienen, einer in neuerer Zeit viel- fach vertretenen Richtung, als deren geistreichsten und scharfsinnigsten, aber zugleich doch auch wohl am wenigsten maßhaltenden Vertreter sich Heinzel in seiner Abhandlung über Gottfried gezeigt hat, der Neigung, denjenigen unserer mhd. Dichter, welche nach französischen Quellen gearbeitet haben, diesen gegenüber eine übergroße Fülle von Subjectivität und selbständigem Urtheil zu vindiciren, ein- für allemal ein Ende zu machen. Gerade hier ist eine pessimistische Anschauungs- weise nur allzu gerechtfertigt. Es wird sich vielmehr in Zukunft das Augenmerk in wesentlich höherem Grade, als dies bisher geschehen, auf die stylistischen Unterschiede zwischen den altfranz. Quellen und ihren mhd. Übertragungen richten müssen, und gerade dabei werden die Vorzüge wie die Schwächen der letzteren in ein neues und helleres Licht treten.
„Daß mancher einzelne Punkt in meiner Abhandlung strittig bleiben, vielleicht auch manche Einzelauffassung als unrichtig nach- gewiesen werden wird, daran zweifle ich keineswegs. Die hier am Schlüsse aufgeführten Gesammtresultate aber werden hoffentlich un- anfechtbar sein."
Kölbing nennt sein Resultat eine herbe Enttäuschung, und eine solche ist es ohne Zweifel, wenn man betrachtet, wie hervorragende Männer unserer Wissenschaft über Gottfried und sein Werk geurtheilt haben.
Der alte Docen in seinem für die Werthschätzung Gottfrieds
') Über Heinzela Arbeiten werde ich später sprechen.
DER NORDISCHE TRISTANORMAN etc. 19
epochemachenden Aufsatze (Museum für altdeutsche Literatur und Kunst, herausgeg. von v. d. Hagen, Docen u. Büsching, Berlin 1809) sagt von den mhd. Dichtern insgesammt: „Sie arbeiteten und schufen mit jenem lebendigen Gefühl eigenen Bildens, ohne welche die Poesie nur ein mühsames Nachzeichnen, keine neue Belebung des gegebenen Stoffes gewesen wäre. Mit diesem Gefühl wurde von den griechischen Tragikern und den Malern Italiens immer derselbe Gegenstand er- neuert dargestellt, ohne daß Jemand hier nach dem Verdienst der ersten Erfindung gegeizt hätte."
Auch J. Grimm nennt den Tristan „das anmuthigste Gedicht der Welt", und Maßmann (Dichtungen d. d. Mittelalters, Bd. II, Einl. p. 9, Leipzig 1843) sagt von dem Tristandichter: „Er ist ein Dichter im ganzen Sinne des Wortes, der seinen Stoff mit vollster Freiheit be- herrschte und gestaltete, daß sein Tristan als durchaus neu und sein Eigen erschien, ein Werk vorher nicht dagewesener Schilderungsgabe, voll lieblicher Anmuth, seltener Seelenkunde und reichster Gedankenr fülle, ein Werk wahrhaft künstlerischer Formvollendung."
Dann ist es vor allen Dingen R. Bechstein, der Herausgeber von Gottfrieds und Heinrichs von Freiberg Tristan, der Gottfried das höchste Lob spendet. Schon sein auf die Herausgabe der Werke des Meisters und seines bedeutendsten Schülers verwandter Fleiß gibt ein ZeugniÜ von seiner Verehrung; ausgesprochen hat er dieselbe an verschiedenen Stellen seiner Werke. Er sagt [Ausgabe d. Tristan, 1869, Einl. p. IV] : „Die Literaturgeschichte hat ihr Urtheil dahin festgestellt, daß Gottfried von Straßburg als einer der hervorragendsten Dichter, den Deutschland je geboren, in Ehren zu halten ist, als ein wirk- licher Classiker unseres Alterthums": p. XXXVII: „So spricht und dichtet niemals ein Übersetzer, sondern nur ein freier Künstler." Bechstein schließt die Einleitung zu seiner Ausgabe mit den Worten: „Zum Schlüsse sei mir vergönnt den Wunsch auszusprechen, daß meine Bemühungen für dieses goldene Gedicht dazu beitragen möchten, seine Freunde ihm noch näher zu verbinden und neue Bewunderer ihm zu gewinnen."
Ebenso weiß R. Heinzel in seinen beiden ausgezeichneten Auf- sätzen *) Gottfrieds ungemeine Empfänglichkeit für die Welt der Schön- heit, des Genusses und vor allen Dingen der Liebe, seine bewußte
») 1. Über Gottfried V. Straßburg, Ztschr. f.d. österr. Gymn. 1868, p. 533—563. 2, Gottfrieds v. Straßburg Tristan und seine Quelle, Ztschr. f. d. Alt. XIV (II), 1869, p. 272—446.
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Welt- und Menschenkenntniß, sein Geschick in der Composition u. a. m. nicht genug zu rühmen.
Schon 1876 sagt R. Bechstein [Tristan und Isolt in deutschen Dichtungen der Neuzeit, Anm. 3]: „Quellenforschungen sind jetzt an der Tagesordnung. Aus ihnen wird später auch die ästhetische Beur- theilung Gewinn ziehen. Es wird sich immer mehr herausstellen, wie unsere alten Dichter gearbeitet haben, inwieweit sie der Quelle unter- than und inwieweit sie in der Benutzung des Stoffes selbständig sind. Manches, was ich als bezeichnend für die Dichtung der Vorzeit auf- gestellt, mag künftighin modificirt werden."
Zwei Jahre später erschien Kölbings Buch, und die Beurtheilung von Gottfrieds Werk wurde dadurch nicht in einigen Punkten modi- ficirt, sondern fast umgestoßen und durch eine andere ersetzt, wie Kölbings Worte oben selbst gezeigt haben. In demselben Jahre, wo Kölbing den nordischen Prosaroman edirt, sagt E. Lobedanz [Das französische Element in Gottfrieds von Straüburg Tristan, Rost. Diss. 1878, p. 7j, der sehr wahrscheinlich Kölbings Buch noch nicht kannte, über das Verhältniß unserer mhd. Epen zu ihren Vorbildern: „Es waren dies keineswegs Nachdichtungen im modernen Sinne. Diese haben gleiche oder ähnliche Grundlagen wie ihre Vorbilder, aber sie tragen doch den Stempel einer neuen geistigen Individualität. Im Mittelalter beschränkte der Nachahmer sich wesentlich auf eine freie Übersetzung des Originals, die er durch eigene Betrachtungen sitt- lichen oder psychologischen Inhalts glossirte."
Gegen diese Ansicht von Lobedanz hat sich schon K. Lüth [Der Ausdruck dichterischer Individualität in Gottfrieds Tristan, Par- chim 1881, Programm] ausgelassen ;, aber Kölbings Ansicht erwähnt er mit keinem Worte. Seine Arbeit enthält ein ausgezeichnetes Material zur Widerlegung von Kölbing, denn nachdem dieser sich in so ab- sprechender Weise über Gottfried geäußert hatte, durfte kein späterer mehr wagen, über den Ausdruck dichterischer Individualität in Gott- frieds Tristan zu schreiben, ohne gegen Kölbing in der heftigsten Weise zu polemisiren. Der Einzige, der Kölbing widersprochen hat, ist R. Bechstein. Im „höfischen Epos" [Stuttgart 1881] nennt er die von ihm abgedruckte Stelle aus dem Tristan [p. 10807 — 11370] un- beirrt durch Kölbings Resultate eine, die zu großem Theile in Com- position und Ausführung das volle Eigenthum des Dichters ist, die Gottfrieds feine und mit Humor durchwürzte Darstellungskunst in schönstem Lichte zeigt.'' [Einl. p. V]. Einleitung p. XXIV spricht der Verfasser von Kölbings Edition des Prosaromans und seiner Beur-
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theilung des Tristan und sagt: „Ich begnüge mich dieses in meinen Augen durchaus falsche und ungerechtfertigte Urtheil hier einfach anzuführen. Zur Polemik und Widerlegung ist hier nicht der Ort." Bewiesen hat Bechstein diese Behauptung nirgends. Ich will nun in der folgenden Untersuchung Kölbings Einleitung genau durchprüfen und sehen, ob seine Resultate als endgiltig entscheidende anzusehen sind. Er gibt ja selbst zu, „daß mancher Punkt strittig bleiben, manche Einzelauffassung als unrichtig nachgewiesen werden kann", aber wie steht es dann mit dem unanfechtbaren Gesammtresultat? Wenn es gelingen sollte, mehrere Auffassungen, die sich auf die ästhetische Würdigung von Gottfrieds Werk beziehen, als unrichtig nachzuweisen, würde der alte Sänger von Straßburg dann nicht in ganz anderem Licht erscheinen, wäre dann die „pessimistische Anschauungsweise" noch gerechtfertigt? Quellenuntersuchungen wie die Kölbings haben schon oft umgestaltend auf die Auffassung einzelner Autoren gewirkt, sei es in Bezug auf die Größe derselben vernichtend oder ihren Ruhm steigernd, immer aber müssen sie sorgfältig geprüft werden. So ist es auch in unserem Fall; Kölbings Urtheil, das er sich durch gründ- liches philologisches Studium erworben hat, ist da, es muß von allen Seiten angesehen werden und ist zu acceptiren, wenn es nicht widerlegt werden kann, unbekümmert um persönliche Vorliebe für Gottfried und sein Werk.
Zunächst werden wir auf einen Unterschied in der Behandlung des Stoffes geführt, bei Gottfried Poesie, im nordischen Prosaroman Prosa. Gottfrieds melodische Sprache, sein bilderreicher Stil ist öfters Gegenstand der Untersuchung geworden. Ist nicht auch die äußere Form maßgebend bei der ästhetischen Beurtheilung seines Gedichtes? Koberstein sagt einmal: „In der mhd. Poesie wird in der besten Zeit Alles individuell beseelt, mannigfaltig in Ausdruck und Wen- dung, die Perioden sind kunstreich und geschmackvoll gebaut und der Stil der Natur des Stoffes angepaßt trägt dabei das Gepräge der besonderen Persönlichkeit des Dichters." Also auch nach dieser Seite hin erkennen wir die charakteristische Richtung der mittelalter- lichen Dichtweise. Es soll darum hier eine Darlegung folgen , inwie- weit auch die Form", in der uns Gottfried sein Gedicht hinterlassen hat, sein individuelles Gepräge trägt, und in dieser Beziehung bringt die Arbeit von Lüth ein schätzenswerthes Material. Gottfried nimmt, was seine Sprache ihm bietet, und in besonderer Herrschaft und Überlegenheit bedient er sich derselben. Zierlich und leicht gleitet seine Rede dahin, sich dem Gange der Erzählung anschmiegend;
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WO er betrachtend und reflectirend den Stoff ausdehnt, da geht auch sein Redestrom breitere ^Bahnen. Sein Ausdruck ist scharf und treffend, die Fülle und der Reichthum an Worten bewunderungs- würdig. Die Verbindung allitterirender Worte, die Anapher, der Chiasmus, das Asyndeton, Gottfrieds weit ausgedehnte Synonymik, die Wortzusammensetzungen, Alles wird bei Lüth eingehend besprochen, und Gottfrieds meisterhafte Anwendung aller dieser Mittel hervor- gehoben. Eine solche Sprache, ein solcher Stil reift nur durch jahre- lange Übung heran (Bechstein, Einl.). Wie sein Stil, wie seine Worte, so tragen auch die Verse, zu denen er sie vereinigt, das individuelle Gepräge des Meisters. Er hat es verstanden , sie zu schönen, reinen, leicht dahingleitenden Paaren zu verbinden, mehr als einer der Kunst- genossen. Die Reinheit der Reime, die bei Gottfried geradezu bewun- dernswürdig ist, die zahlreichen rührenden Reime verrathen auf Schritt und Tritt den Künstler. Besonders ist es auch die Reimbrechung, die Gottfrieds Versen jene Lebendigkeit verleiht, die jeden Leser stets wieder mit neuem Vergnügen erfüllt'). Dies Alles erwähnt Kölbing mit keiner Silbe, als ob jeder beliebige Mensch der mhd. Periode dies auch hätte ausführen können. Ein Übersetzer war sicherlich nicht im Stande, ein solches Werk zu ^schaffen. Kölbings Buch ist eine peinliche, streng wissenschaftliche Vergleichung der nordischen, eng- lischen und deutschen Version der Tristansage, und als solche ist sie von der höchsten Bedeutung, aber bei einer ästhetischen Beurtheilung von Gottfrieds Tristan müssen alle von mir bisher erwähnten Momente in Betracht gezogen werden. Wir werden am Schlüsse dieser Unter- suchung sehen, ob und wie sie das Gesammtresultat verändern.
Vor allen Dingen war es Gottfrieds Sache^ seinen Stoff aus der großen Menge der vorhandenen Sagenkreise auszuwählen. Wenn er auch nicht mit dem Namen „Dichter" zu bezeichnen wäre, so liegt doch immerhin ein kleines Verdienst darin, daß er als feinsinniger Übersetzer sich einen Stoff wählte, der von so allgemeinem Interesse war, dali seine poetische Reproduction der Vorlage auf Tlieilnahme beim Publikum rechnen durfte. Dies ist ihm nun im vollsten Um- fange gelungen, seine Zeitgenossen hielten ihn für einen großen Dichter, ja sie lasen sein Werk auch, was die vielen Handschriften bis ins 15. Jahrh. reichend beweisen. Er fand im Mittelalter zwei Fort-
') Über dieses ästhetisch schöne Princip der Reimbrechung werde ich im Znsammenhang iu dieser Zeitschrift sprechen.
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Setzer, und in der Neuzeit haben Männer wie Immermann, Kurz, R. Wagner u. A. den Stoff nicht verschmäht.
Eine andere Frage, die mir am wichtigsten erscheint, ist die, ob der nordische Prosaroman, der sicher Gottfrieds Tradition vertritt, überhaupt in vollem Sinne als competent anzusehen ist, um von ihm Rückschlüsse auf den deutschen Tristan zu machen. Es ist zu be- denken, daß er selbst nur das Spiegelbild des Originals ist; wir ver- gleichen also nur zwei Überarbeitungen eines nicht vorhandenen Ori- ginals mit einander und schließen daraus auf den Werth der einen.
Der nordische Prosaroman ist 1226 aus dem Französischen über- tragen, uns nur in wenigen Bruchstücken in einer Membrane des 15. Jhd. erhalten, während die Sage vollständig nur in einer Papier- handschrift des 17. Jhd. aufbewahrt ist. Diese Thatsache hat Kölbing nicht berücksichtigt, aber bei der Wichtigkeit der Frage — ein bisher als gottbegnadet bezeichneter deutscher Dichter wird zum „geistreichen Übersetzer" degradirt — darf man sie nicht aus den Augen lassen, um gerecht zu urtheilen. Bei allen Schlüssen ist zu beachten, daß das französische Original allein unanfechtbare Folgerungen gestattet. Aber vielleicht ist dasselbe auf ewig verloren, und Kölbings Edition bleibt immerhin eine verdienstvolle Leistung. Sie zeigt uns, |daß Gottfrieds Gedicht sich in allen wichtigen Punkten an das französische Original anschloß, und dies wußten wir allerdings auch vorher. Gottfried selbst sollte neue Züge erfunden haben? Dann wäre er allerdings kein mhd. Dichter, er stände da wie ein einsamer Fels im Meer, einzig in seiner Zeit. Man muß doch bei der Beurtheilung eines Dichters an erster Stelle die Zeitverhältnisse betrachten , unter denen er lebt. Was einem ganzen Zeitalter widerspricht, ist von vornherein mit Vorsicht aufzunehmen und hat sich noch in den meisten Fällen als unhaltbar erwiesen. Gottfried wie alle mhd. Dichter thut sich im Gegentheil viel darauf zu Gute, daß er seiner Quelle so genau folgt, besonders anderen Traditionen gegenüber, die er als minder schön erkannt hat.
Also der Werth des nordischen Prosaromans scheint mir von vornherein für eine Werthschätzung von Gottfrieds Tristan sehr gering zu sein. Im Folgenden will ich die Vergleichung der Prosabearbei- tung mit dem Gedicht Gottfrieds vornehmen und die Schlüsse Kölbings prüfen, die dieser aus der Vergleichung gezogen hat.
Der Prosaroman sagt in der Einleitung, daß die Geschichte von Tristram und der Königin Isond im Jahre 1226 p. Chr. auf Befehl des Königs Hakon vom Bruder Robert aufgezeichnet sei und zwar
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in norwegischer Sprache. Gottfrieds Einleitung umfaßt die Verse 1 — 242, und in diesen wenigen Eingangsstrophen liegt eine ungeheuere Menge von Lebenserfahrung und dichterischem Genie. Eine Quelle, woraus Gottfried hätte schöpfen können, lag hier sicherlich nicht vor, diese Strophen sind sein unantastbares Eigen thura, hier ist er sicher kein „geistreicher Übersetzer" ; und an solchen Stellen können wir ja gerade sein Dichtertalent erkennen, wo er frei mit seiner Sprache schaltet ohne Rücksicht auf die franz. Vorlage. Er wendet sich au die Guten und Edelgesinnten, daÜ sie die Kunst fördern helfen und das Verdienst anerkennen, denn nur durch Anerkennung entwickelt es sich.
V. 17: Tiur unde wert ist mir der man der guot und übel betrahten kan, der mich und iegelichen man nach sinem werde erkennen kan.
Darauf tadelt Gottfried solche, die durch Verkleinerungssucht alles Verständniß und jede Fähigkeit der Beurtheilung auslöschen; er selbst dichtet für die edle W^elt
A, 59: diu sament in einem herzen treit ir süeze sür, ir liebez leit, ir herzeliep, ir senede not, ir liebez leben, ir leiden tot, ir lieben tot, ir leidez leben.
Er schreibt uns sein Gedicht zur Kurzweil und Freude; das ist schöne und edle Freude, sich betrachtend und mitfühlend hingeben dem Schicksale derer, die einst waren.
Dann kommt der Dichter auf sein Thema, die Geschichte der beiden Senedaere, „die reine sene wol täten schin, ein senedaere, ein senedaerin."
Wer immer diese Einleitung zu Gottfrieds Tristan mit jenem Verständniß liest, das er selbst für gute Bücher verlangt, kann dem deutschen Sänger weder Originalität, noch Anmuth in der Rede, noch einen tief sittlichen Charakter absprechen. Jedenfalls wird er nach der Leetüre dieser wenigen Verse es für seine heiligste Pflicht halten, allen Anschauungen, welche Gottfried zu einem Übersetzer machen wollen, nicht eher zu glauben, als bis er sich durch den Vergleich über- zeugt hat.
Kölbing sagt p. XVII über diese Einleitung zum Tristan: „Diese ergibt für unseren Zweck nichts", was ganz richtig ist, da er ja nur nach Übereinstimmungen zwischen dem englischen Tristan, Gottfrieds
DER NORDISCHE TRISTANROMAN etc. 25
Werk und der nordischen Sage sucht; aber für das letzte Urtheil über den Werth des deutschen Dichters hätte gerade diese Einleitung nebst den übrigen von mir schon erwähnten Punkten berücksichtigt werden müssen. Ich bin überzeugt, daß die gerechte Würdigung dieser Einleitung allein schon das Endurtheil zu Gunsten Gottfrieds ver- ändert hätte, wenigstens Achtung erweckt hätte für* den Mann, der sich in der folgenden Erzählung nur als „geistreicher Übersetzer" präsentirte.
Schreiten wir nun zur Vergleichung einzelner Partien aus dem Tristan und der nordischen Sage. Gottfried beginnt v. 243 die Ge- schichte Riwalins und Blancheflürs.
Ein hörre in Parmenie was, S *).
Der järe ein kint, als ich ez las: A Bretlandi var eitt ungmenni,
der wag, als uns diu wärheit hinn fridasti madr ä likamans
an siner äventiure seit, fegrd, hinn vildasti rikra gjafa,
wol an gebürte künege genoz, oflugr ok audugr rikra kastala
an lande forsten ebengröz, ok borga, koenn til mangrar
des libes schoene und wunneclich, kunnattu, hinn roskvasti at rid-
getriuwe, küene, milte, rieh; daraskap , hinn »ruggasti at all-
und den er fröude solte tragen, skonar drengskap etc.
den was der herre in sinen tagen ein fröude berndiu sunne. er was der werlde ein wunne, der ritterschefte ein lere, siner rnäge ein ere, sines landes zuoversiht.
Gerade an dieser Stelle, wo es sich um die Beschreibung von allen möglichen Eigenschaften eines mächtigen Fürsten handelt, kann man die Unterschiede deutlich darlegen. Der Prosaroman beginnt mit der Hervorhebung der äußeren Schönheit, die ja auch Gottfried als mhd. Dichter durchaus nicht zu erwähnen vergißt (v. 249: „des llbes schöne und wunneclich"). In plastischer Weise erklärt er das „h§rre" durch „an gebürte künege genoz, an lande fürsten ebengröz." Das „künec" geht an dieser Stelle auf die Geburt, das „fürste" auf die Herrschaft, und die Wirkung liegt darin, daß die Vergleichung im zweiten Glied gesteigert wird. Der Prosaroman schildert die Vor- züge des Riwalin in concreten Ausdrücken: „reich an Kastellen und Städten, bewandert in manchen Kenntnissen u. s. w." So etwas er
*) Ich gebe den Text hier ganz genau nach Kölbings Ausgabe; einzelne Be- merkungen über Stellen, wo meiner Ansicht nach anders zu lesen ist, werde ich am anderen Orte bringen.
26 0. GLÖDE, DER NORDISCHE TRISTANROMAN etn.
zählt Gottfried nicht, aber die weitreichende Macht und die Vorzüge des Kanelengres werden uns ebenso klar — nur in schönerer Form — vorgeführt.
Es ist nicht meine Absicht, den ganzen Tristan und den nor- dischen Roman in dieser Weise zu vergleichen; daß Gottfrieds feinfühlige Art der Darstellung, sein hoher poetischer Sinn überall die Sage übertreffen , wird wohl keiner ernstlich leugnen. Ich will nur noch kurz auf diejenigen Stellen hinweisen, die sein volles Eigen- thum sind, wo an „Übersetzung" schon deshalb nicht zu denken ist, weil das Original [und dessen schlechter Abklatsch, der Prosaroman] den Dichter im Stich ließen. So ist die Schwertleite voll poetischen Schwungs. Da sich hier natürlich keine Vergleichungspunkte finden, so wird bei Kölbing die ganze Stelle übergangen, bei der Würdigung eines Dichtwerkes sind aber gerade dies die besten Stellen, wo der Verfasser aus eigener Kraft schafft. Gottfried geht hier seinen eigenen, ganz originellen Weg. Ebenso sagt Kölbing nichts über die „Jagd" (v. 2757 — 3376). Auch hier sehen wir, was Gottfried aus seiner Vorlage zu machen verstand, wenn überall der Prosaroman dieselbe einigermaßen wiedergibt, was ich für durchaus unmöglich halte. Die Worte der nordischen Sage klingen so trivial als möglich , das Gespräch des Jägermeisters mit Tristan fehlt, und doch ist nichts natürlicher, als daß — wie bei Gottfried — sie den Fremdling nach seiner Heimat fragten, worauf Tristan dann antwortet:
V. 3094: „jensit Britauje lit ein laut, deist Parmenie genant: da ist min vater ein koufman."
Ich könnte noch manche Stellen anführen, wo Kölbing selbst die Überlegenheit Gottfrieds zugibt, die Beschreibung der „Minne- grotte" ist ein wahres Meisterstück. Auch nach Kölbing hat der Saga- schreiber oftmals die Feinheit des Ausdrucks zerstört, Heinzel hat oft recht, wenn er Änderungen Gottfrieds auf dessen individuelles Gefühl zurückführt.
Die Vergleichung jeder Stelle von Gottfrieds Tristan mit der entsprechenden des Prosaromans wird den Werth des deutschen Epos nur noch heben; auf jeden Fall werden dadurch Kölbings Ansichten an vielen Stollen raodificirt und umgestoßen, und wie steht es dann mit dem Endurtheil über den Tristan Gottfrieds? Es ist seinem Haupt- inhalt nach unhaltbar und falsch. Gottfried behält die Stellung inner- halb der mhd. Glanzperiode, die ich im Eingange dieser Untersuchung charakterisirt habe, denn der nordische Roman ist durchaus kein
K. HARTFELDEE, DEUTSCHE ÜBERSETZUNG V. CICEROS CATO etc. 27
Repräsentant der französischen Vorlage ; wäre er dies, so würde Gott- fried in ein noch höheres Licht treten; dann dürften wir ihn nicht mehr einfach einen großen Dichter nennen , sondern einen gott- begnadeten Sänger unserer deutschen Vorzeit, und sein Werk würde das beste, was das Mittelalter hervorgebracht hat, übertreffen. Bevor die französische Vorlage vollständig vorliegt, sind aber auch solche Lobpreisungen unberechtigt, mehr aber noch die absprechenden Ur- theile jener Kritiker, auf die ich Gottfrieds Worte anwenden möchte (Trist. 29-32):
„Ir ist so vil, die des uu pflegent,
daz si daz guote z' übele wegent,
daz übel wider ze guote wegent:
die pflegent niht, si widerpflegent." WISMAR i. M. O. GLÖDE.
EINE DEUTSCHE ÜBERSETZUNG VON CICEROS CATO AUS DER HUMANISTENZEIT.
Die Heidelberger Universitätsbibliothek besitzt eine Papierhand- schrift (cod. Pal. Germ. 469), welche auf den 97 ersten Blättern eine deutsche Übersetzung von Ciceros Cato enthält. Die Handschrift selbst gibt keinen Namen für den Übersetzer an, sondern auf das erste gänzlich leere Blatt folgt sofort der Anfang der Übersetzung selbst.
Bis jetzt galt die Übersetzung als wahrscheinlich von Jakob Wimpfeling, dem bekannten Schlettstadter Humanisten, herrührend. So sagt schon Friedrich Wilken: „Cicero vom Alter, wahrscheinlich von Jakob Wimpfeling von Sclilettstadt übersetzt," *) Von Wilken ging diese Ansicht in Goedekes Grundriß über'^), und ich selbst schloß mich dieser Meinung an in meiner Arbeit: Deutsche Übersetzungen classischer Schriftsteller aus dem Heidelberger Humauistenkreis (Heidel- berg. Progr. 1884), S. 10 u. 34, wobei ich jedoch das „wahrscheinlich« immer betonte.
Der einzige Grund, weshalb man Jakob Wimpfeling als den muthmaßlichen Übersetzer annahm, war der Umstand, daß sich unmittel-
') Geschichte der Bildung, Beraubung und Vernichtung der alten Heidelbergi- schen Büchersammlungen (Heidelberg 1817), S. 484.
') Grundriß der deutschen Dichtung IP, S. 412, Nr. 59.
28 K. HARTFELDER
bar an die Übersetzung des ciceronischen Cato eine deutsche Epistel Wimpfelin^s an Friedrich von Dalberg anschloß '), die eine Dedication zu einer Übersetzung des Beroaldus De tribus fratribus sein sollte, von welcher Schrift aber nur das Argument aufgenommen ist, während die Schrift selbst fehlt. Man glaubte, daß auch der ciceronische Cato von Winapfeling übersetzt sein müsse, weil die unmittelbar folgende, Schrift seinen Namen nannte.
Nun ist aber klar, daß dieser Schluß keine zwingende Kraft hat. Weil die zweite Übersetzung auf Wimpfeling zurückgeht, braucht die erste deshalb nicht auch von ihm zu sein. Wollte man dagegen an- führen, daß die ganze Handschrift von derselben Hand geschrieben, so ist dies allerdings richtig. Aber die Hand ist nicht die Wimpfelings. Der Schreiber der Handschrift und Wimpfeling sind sicher verschieden. Zwar ist das Alter des Codex nicht sicher zu constatiren. Er gehörte ehemals zur Bibliothek des Kurfürsten Ottheinrich von der Pfalz (1556 — 1559), wie das in Gold gepreßte Bild des Kurfürsten und die Jahreszahl 1558 auf dem vorderen Deckel zeigt. Auch die Züge der Schrift weisen in das 16. Jahrhundert. Aber eine genauere Datirung ist aus Mangel an Anhaltspunkten nicht möglich.
Daß aber Wimpfeling die fragliche Schrift Ciceros übersetzt hätte, dafür existirt keine sonstige zuverlässige Angabe. Nun aber braucht der Übersetzer des Cato gelegentlich das Zeitwort „sein" zum Zwecke einer Umschreibung der flectirten Formen des Verbums; er sagt also: sie sin (= sind) sich gesellen = sie gesellen sich etc. Gegen diesen Mißbrauch der Copula eifert aber Wimpfeling in einem Briefe an Jakob Boll als gegen eine schwäbische Unart, welche die Rhein- länder nicht hätten, folgendermaßen: Sic etenim dicunt illi illepidi concionatores (er meint die Schwaben). Dixit Jesus, ibat, ambulabat, sanabat, docebat, respondebat. Der herre was sprechen, er was gon, er was wandelen, er was gesunt machen, er was leren, was antwurten, sicque de innumerabilibus: Ubi simplex verbum Germanicum sufficeret : Der her sprach, Er gieng, Er wandelt, Er macht gesunt, Er leret, Er antwurt etetc''). Schwerlich wird Wimpfeling in einen Fehler, den er selbst so hart tadelt, verfallen" sein. Daher scheint mir die fragliche Übersetzung trotz Wilken und Goedeke im Index der Wimpfeling'schen Schriften zu streichen.
') Dieselbe ist ganz mitgetheüt in meiner erwäFinten Arbeit, S. 32.
') Der Briet", welcher in Wimpfelings Schrift „De inepta superflua verborum resolucione etc." steht, wurde durch Crecelius wieder abgedruckt in Biriingers Ale- mannia XII (1884), 8. 45.
EINE DEUTSCHE ÜBERSETZUNG VON CICEROS CATO etc. 29
Von wem aber soll nun die. Übersetzung herrühren? Ich glaube eine neue Spur gefunden zu haben. Der Friedrich von Daiberg, für welchen Wimpfeling die Schrift des Beroaldus tibersetzte, welche ursprünglich nach unserer Cato-Übersetzung gestanden hat, ist der jüngere Bruder von Johann von Daiberg, genannt Camerarius, dem Bischof von Worms und Kanzler der Pfalz, dem humanistisch ge- bildeten Mäcen der rheinischen Humanisten. Nun weist Karl Morne- weg in seiner Monographie über Johann von Daiberg ') nach, daß für Friedrich von Daiberg der Oppenheimer Stiftspfarrer Johann Gott- fried von Odernheim, der eine Pfründe bei St. Katharina zu Oppen- heim hatte, 17 Übersetzungen classischer und humanistischer Schrift- steller ins Deutsche angefertigt hat. Unter dieser erscheint neben anderen Schriften Ciceros, wie De fato (nicht De divinatione, wie Morneweg meint) und Paradoxa, auch eine Übersetzung von Ciceros Cato von 1491. Die Übersetzungen Johann Gottfrieds standen in einer Handschrift, welche ehemals zur Bibliothek des Dr. Kloß von Frankfurt a. M. gehörte, dann 1835 in London versteigert wurde und seither verschwunden ist, die aber möglicherweise noch in einer nicht beachteten englischen Bibliothek steckt.
Die Vermuthung liegt nahe, daß wir in der Heidel- berger Handschrift eine Abschrift der Gottfriedschen Übersetzung besitzen.
Daß in der That eine Beziehung unserer Handschrift zu den Gottfriedschen Übersetzungen vorhanden ist, macht noch eine andere Thatsache wahrscheilich. Die deutsche Handschrift 451 der Heidel- berger Universitätsbibliothek, welche ebenfalls Übersetzungen latei- nischer Autoren ins Deutsche enthält, ist von derselben Hand geschrieben wie Cod. Pal. Germ. 469 und gehörte auch einst in die Bibliothek Ottheinrichs "). Der ganze Inhalt dieser zweiten Heidelberger Hand- schrift deckt sich aber mit einzelnen Nummern der zur Zeit verlorenen Kloßschen Handschrift mit den Gottfriedschen Übersetzungen: Cod. Pal. Germ. 469. f. 1 — 29 = Kloß nr. 17 (Isokrates TCQog ^rj^övLxov)^ CPG. f. 30—73 = Kloß nr. 1 (Cicero de fato), CPG. f. 74—88 = Kloß nr. 8 (Aristoteles von den häuslichen Dingen), CPG. f. 89 — 132 = Kloß nr. 14 (Lukian Charon), CPG. f. 182-231 = Kloß nr. 9 (Aristoteles von den Sitten). Es wird niemand glauben, daß eine so auffallende Übereinstimmung reiner Zufall ist.
') Johann von Daiberg, ein deutscher Humanist und Bischof (Heidelberg 1887), S. 20.
') Das Genauere darüber in meinem Programm S. 11 H.
30 K. HÄRTFELDER, DEUTSCHE ÜBERSETZUNG V. CICEROS CATO etc.
Wenn es nun höchst wahrscheinlich ist, daß unsere Übersetzung von Ciceros Cato identisch ist mit der einstweilen verlorenen Über- setzung Gottfrieds in der Kloß sehen Handschrift, so hätten wir in dieser 1491 entstandenen Übersetzung zugleich die älteste deutsche Übersetzung von Ciceros Cato. Denn nach Degen ^) ist die älteste gedruckte Übersetzung von Cato die von Kaplan Johann Neuber zu Schwartzenberg 1522 in Augsburg erschienene.
Für den Fall, daß die erwähnte Handschrift noch irgendwo vor- handen ist, dürfte es aber von Wert sein^ die etwaige Identität mit der Heidelberger zu constatieren, und zu diesem Zwecke möge es gestattet sein, das Ende der Heidelberger handschriftlichen Über- setzung hierher zu setzen ^) :
[Fol. 94.''] Darzu so ruwet mich auch nit, das ich etwan han gelebt; dann ich* acht mich also gelebt han, das ich nit vmb sunst oder vnnutzlichen sy geborn gewesen, vnnd bin vss disem leben als vss einer herbergen vnd nit als vss einem huss abgeschaiden, wan die natur halt uns gegeben ein offenn huss zu rasten, mit stettiglich zu wonen. O den erlichen tag, so ich werde komen inn dise gotliche geselschafft der geist vnnd von diser vnruwigen vnnd vnreynigen befleckung abscheyden; wan ich werde komen zu den erlichen männer, von den ich wenig hiefur han gesagt, sonder auch zu meynem kathoni, dem da in den dogenden^) grosser vnnd in gutigkeit vbertrefFlicher keiner nye ist funden worden, des dotter lib von mir ist verbrant eelichen das sich vil mehn het gezemet von im myneu leib verbrant worden sin. Aber sein geist hait mich nit verlassen, sonnder stettiglich anschauwen, ist furwar komen zu den stetten, da hin er mich hait gesehen bald komen werden, vnnd ich bin geachtet worden disen mynen fall grossmuttiglichen getragen vnd mich selbs getrost haben, schetzende, nit gross oder wyth abscheydung sin zwuschen vnns. Von disen solichen dingen hast du, o Scipio, gesagt dich mit lelio'*) gross- lichen pflegen zuuerwondern, das alter ist licht vnd nit allein nit ver- drosslich, sonder lusslich. So ich aber irre in dem, das ich glaub, die geist der menschen sin vndotlich, bin ich gern vnnd begirlichen irren vnnd will auch, dwyl ich lebe, soliche irrung, die mich gross- lich^) ist, erlustigen nit von mir genomen werden. So ich aber dot,
') Versuch einer vollständigen Litteratur der deutschen Übersetzungen der Römer I, 89. Nachtrag S. 56.
') Der Anfang steht schon in meinem Programm S. 34 abgedruckt.
') Tugenden.
*) Laelius, der Freund Scipios.
') errorem, quo delector. Sollte da nicht „trostlich" zu verbessern sein?
F. PFAFF, ZU REINOLT VON MONTELBAN. 31
als etliche klein philosophi sagen, nichts solicher ding werde entpfin- den, forcht ich nit, das disse myn irthum die dotten philosophi ver- spoten werden, vnnd so wir auch zukunfftiglichen nit weren vndotlich, so ist doch dem menschen begirlich siner zyt zurstoret werden. Wann die natur zw gleicher wyse, als alle andere ding, hat auch die mass des lebens, das alter aber ist ein vollenbringung der zitt des lebens, des muttigkeit vnnd belessige beschwernus vil nah als einer fabeln, wir vlyssiglichen meyden sollen, allermeynst, so inie settygung vnd verdrossen sin zugefugt vnnd angehangen. — Diss hab ich wellen sagen von dem erlichen alter, zu dem ich wünsche ir etwan werden komen, vff das ein solichs, das ir vss mir gehört haben in der war- heit der werck vnd der that befindende bewerden mögen.
Das buch Catho (?) von dem alter endet sich seliglichen etc. ').
KARL HARTFELDER.
ZU REINOLT VON MONTELBAN.
I. Ludwigs Krönung 1153 — 1238.
Die ziemlich genau, freilich nicht ohne Mißverständniß be- schriebene Scene ist culturgeschichtlich beachtenswerth. Mir fielen bei erneuter Lesung wieder besonders die Verse 1223 — 28 auf:
Da ime stunt die krön uff sinem heupt
und die kröne ime spen zu der stedt,
da spen man ime einen sack dar zu.
Das hetudet uns also:
die kröne und. der sack
hedutet freude und ungemach. Daß der sack ein Kleidungsstück ist, bedarf keiner Erinnerung; welcher Art aber dasselbe war, das ist nicht so leicht ersichtlich. Bekanntlich versteht man darunter auch heute noch einen kurzen Männerrock ohne Taille. Die Sackform des Ganzen mit geradem Laufe der Nähte ist hier Ursache der Bezeichnung. Dies wird noch deutlicher durch die scherzhafte Rede: „Er hat eine Taille wie ein Maltersack." Im mhd. Wörterbuch und bei Lexer finden wir die Erklärung: „Kleidungsstück, Mantel aus grobem Sacktuch, wie sie gemeine Leute und Knechte trugen", auch „Frauenkleid der Juden".
•) Die Handschrift ist, ohne Veränderung der Orthographie, wiedergegeben. Nur die Interpunction ist meine Zugabe.
32 t'- PFAFF
Hier also kommt nicht die Gestalt, sondern der Stoff des Kleidungs- stückes in Betracht. Auch im Mnl. kommt der Begriff vor; Oudemans (Bijdrage VI, 14) erklärt: „Zeke, kleed, krijgsrock, wapenrock."
Der Saccus, adxxog , erscheint im lateinischen und griechischen Sprachschatze als Kleidungsstück. Bei Forcellini (totius latinitatis lexicon V [1871], 285) finden wir folgende Erklärung: iSa^-cws dicitur vestis crassiore filo contexta, qua praeciptie uteba,ntur in Äegypto monachi in poenitentiae signum, sine manicis {Ärmel) , et presse corpore adhßerens: iinmo et orientales plerique populi antiquitus tempore liictns. Danach und nach dem bei den Juden uralten Brauche in „Sack und Asche" zu trauern, scheint dies grobe ärmellose Gewand aus dem Orifent zu stammen. Dazu stimmt es, wenn wir den Sack als Kleidungsstück der Patriarchen genannt finden. Stephanus, thesaurus graecae linguae VII (1845 — 54), 29.. Codinus de officiis magnae ecclesiae, et aulae Constantinopolitanae. Cura et opera Jacobi Goar. (Parisiis 1648) S. 88. 232. Als Gewand der Patriarchen und Metropoliten war der Saccus e villoso serico gemacht.
Bei dem großen Einflüsse, den orientalische Sitten auf Byzanz hatten, kann es uns nicht Wunder nehmen, den öccKxog auch im Ornate der griechischen Kaiser genannt zu finden. Codinus XXXV, 88. 99. Stephanus 29.
Der deutsche Kaiserornat nun war zunächst eine Aneignung der weströmischen Tracht (Patriziat) , . später aber zum Theile auch Nachahmung des griechischen Kaiserornats. Der Sack wird hier nicht ausdrücklich genannt, scheint aber der Alba zu entsprechen, einem Rocke, der über dem Untergewande , der Dalnaatica, Tunica talaris, und unter dem Rückenmantel, dem Pluviale, getragen ward. Ein sicheres Zeugniß führt Du Gange an (GIoss. med. et inf. latinitatis VI [1846], 8*): Saccus inter vestes regias recensetur in Ordine ad con- secrandum Regem Franciae^).
Im Reinolt scheint kein kostbares Seidengewand, sondern ein Rock aus grobem Stoffe gemeint zu sein, eigentlich ein Frauen- gewand, dem bei der Krönung eine symbolische Bedeutung zukommt. Die Krone bedeutet Freude, die Erhöhung des zu Krönenden; dagegen soll der Sack, der ja Ungemach bedeutet, den Fürsten am Tage seiner Erhebung an seine hinfällige menschliche Natur erinnern, die sich in nichts von der eines armen Knechtes unter- scheidet.
') Vgl. auch Kraus in dessen Realencyklopädie der christlichen Alterthümer II (1886), 702\
zu REINOLT VON MONTELBAN. 33
Ich habe zu dieser Stelle des Reinolt weder in der altfranzösi- schen noch in der altdeutschen Dichtung unmittelbare Parallelen finden können. Vielleicht kann einer der Leser etwas darüber mittheilen.
II. Kantet und lyniere. Reinolt 14004 und stach ime mit syme spieß,
das er sin nit kund genießen,
durch den schilt und durch daz k autele,
das da inn bleib von dem sper ein teil
und er es als zu stucken brach. 14827 und Emmerich, der jungherre,
stach ine wider mit großer gere
uff das kauteil in die lyniere,
das sie beide fielen schyer. Für kautele und kauteil, wie die Hs. schreibt, ist kantele, kanteil zu lesen. Im Altfranzösischen ist häufig chantel, cantel^ cantiel in der Be- deutung „Theil, Bruchstück, Quartier (des Schildes)". De, en, ä chantel bedeutet „zur Seite". Das Wort geht vom griechischen xäv&og aus und ist in den meisten romanischen Sprachen, auch als Lehnwort im Deutschen, heimisch. Eschanteler l'escu = den Schild in Stücke hauen'). 14006 durch den schilt und durch daz kantele ist demnach tautologisch. Es bleibt nur noch die lyniere zu erklären. Am nächsten läge wohl, das Wort von lin abzuleiten. In der That bedeutet auch das alt- französische liniere f. „collet de lin". Vgl. Godefroy, dict. IV, 791". Es könnte demnach ein leinenes kursit oder wäpenkleit gemeint sein^); indessen wäre dann die Ausdrucksweise von 14829 etwas son- derbar. Viel wahrscheinlicher ist es, an das Helmfenster, mnd. lumenere, lumenyre, mnl. limiere, ein von lumen abgeleitetes Wort, zu denken. Vgl. die Stellen bei Schultz, das höfische Leben II, 54, Anm. Demnach wäre zu lesen:
uf daz kanteil in die lymiere.
') Vgl. Diez, etymol. Wb." 85 ff, Diefenbach, orig. europ. 278—80. Godefroy dict. II, 56.
■') Vgl. Schultz, das höfische Leben II, 47.
GERMANIA. Neue Reihe. XXJ. (XXXIIl.) Jahrg.
^4 F. PF ÄFF
DIE HANDSCHRIFTEN DES REINOLT VON MONTELBAN ').
IL
Kein Werk unserer altdeutschen Übersetzungsliteratur außer Malegys und Ogier zeugt so sehr von dem gänzlichen Mangel aller Begabung und alles Kunstfleißes bei dem Bearbeiter wie der Reinolt von Montelban. Vor die Aufgabe gestellt dies wunderliche, aber doch in mancher Hinsicht beachtenswerte Machwerk herauszugeben, kann man über den einzuschlagenden Weg kaum zweifelhaft sein. Nachdem ich aus der äußern und Innern Beschaffenheit der Hs. A den Schluß gewonnen, daß diese als das Original der deutschen Übersetzung anzu- sehen ist, konnte ich kaum mehr thun , als einen getreuen Abdruck von A geben. B weicht fast gar nicht ab. Herzustellen war an dem Texte eigentlich nichts. Es handelte sich nicht darum einen nach- weislich älteren Text aus dem durch spätere Schreiber herbeigeführten Verderb zu retten. Wären auch keine Gründe gewesen, die für die Originalität von A sprachen, das stand doch fest, daß das deutsche Gedicht dem 15. Jahrhundert angehörte, also unter allen Bedingungen der Abfassungszeit von A nahestehen mußte. Als Zweck einer wissen- schaftlichen Ausgabe muss doch wohl betrachtet werden, daß der Text so hergestellt werde, wie er von dem Verfasser selbst beabsichtigt war. Kennt man Schreibebrauch der Zeit und Eigenthümlichkeiten des Verfassers genau, so ist man darüber hinaus eigentlich nur berech- tigt, die heutige Interpunktion einzuführen. Will man also ein Gedicht des 15. Jahrhunderts in wissenschaftlicher, d. h. historischer Weise herausgeben, so hat man keine Wahl als die „wüsten Auswüchse der Schreiberorthographie des 15. Jahrhunderts in ihrer Urwüchsigkeif zu belassen. ^) Mögen andere anders darüber denken ; ich halte sehr wenig von der sogenannten „normalisirten" Schreibung unserer land- läufigen Ausgaben und bleibe bei meiner, Reinolt S. 497. 498 ausge- sprochenen, „besonnenen Ausstellungen", mag auch ein Kochendörffer sie als „naive Bemäkelungen" brandmarken.
Wie ich Germ. XXXH, 56 sagte, ist es sehr schwer von einer Hb., die ohne unmittelbare Anhaltspunkte ist, zu beweisen, daß sie
») Vgl. Kochendörffer, Anz. f. d. Alt. XII, 253-56; Pfaff, Germ. XXXII, 49—65; Kochendörffer, Anz. XIII, 397—410. ') Anz. XIII, 408.
DIE HANDSCHRIFTEN DES REINOLT VON MONTELBAN, 35
den Verfasser des in ihr enthaltenen Textes zum Schreiber hatte. Die Möglichkeiten, die für irgend eine Lesart in Betracht kommen können, sind mannigfaltig. Schon sehr oft haben scheinbar sichere Gründe für die Beurtheilung solcher Fälle sich durch einen plötzlichen Fund als nichtig erwiesen. Der Zufall hat ein viel weiteres Recht als man gewöhnlich annimmt. Warum herrschen über die Handschriftenver- hältnisse so vieler Texte so verschiedene Meinungen? Doch nur, weil es sehr schwer und oft unmöglich ist durchaus unumstößliche Gründe beizubringen, und weil eine Berechnung des Zufalls unmöglich ist.
Mit Gründen, wie ich sie zunächst vorbrachte, d. h. solchen, die aus dem graphischen Zustande der Hs. geschöpft waren, ließ sich nichts beweisen, sondern nur eine Möglichkeit zur Wahrscheinlichkeit erheben. Für mich war das Graphische einzelner Stelleu im Verse nicht zwingend; wohl aber habe ich die Überzeugung, daß A vom Ver- fasser von P geschrieben ist, daraus gewonnen, daß A, für sich betrachtet, keine Lücken hat. Die durch Überspringung von gleichen zu gleichen Worten entstandenen Lücken sind nach meiner Ansicht der einzige schlagende Beweis dafür, daß irgend eine Hs. Abschrift ist.
Doch auch hier bleibt ein Bedenken, wenn nämlich der Text Übersetzung und namentlich schlechte Übersetzung ist. Auch einem Übersetzer kann ein solcher Überspringfehler begegnen. In lang- athmigen Epen raittelmässiger Dichter ist nicht jeder Satz für den ganzen Zusammenhang nöthig. Oft beginnen verschiedene Sätze und Verse mit denselben Worten. Besonders leicht kann es da zu Aus- lassungen kommen, wo keine Reimbrechung herrscht. Aber auch bei Reimbrechung können gleiche Reimworte auf derselben Seite der Hs. Auslassungen hervorrufen. Alles das kann einem Übersetzer, der nach dem Auge arbeitet, begegnen. Wie viel mehr noch begegnet es einem Abschreiber ! Da ist nun wirklich wunderbar, wie verschieden sich in dieser Beziehung die beiden Hss. des Reinolt verhalten. In B sind solche Auslassungen ganzer Stücke sehr häufig^), während sie in A fehlen. Die Paar Kleinigkeiten in A, die etwa als Auslassungen angesprochen werden können ^) , können nichts er- weisen; sie verschwinden gegen die wirklich erheblichen und unzweifel- haften Lücken von B.
Sind A und B, wie Kochendörffer will, selbständige Abschriften aus einem verlorenen Originale X, so sollten doch wohl gemein same
1) Germ. XXXH, 53. ^) Ebenda 5.5.
36 F. PF AFP
Lücken nachweisbar sein. Ein einziger solcher Fall (nach 9801) kann vielleicht wahrscheinlich gemacht werden, wie ich Germ. 59 und Reinolt 644 bemerkt habe; doch damit ist nicht zu rechnen.
Diesen Lücken in B zur Seite stehen die Wie d erhol unge n '). Es ist dabei hervorzuheben, daß diese meist mit dem Beginne einer neuen Seite eintreten, also in der äußerlichsten Weise graphischer Art und unbestreitbare Zeugnisse für Bs Eigenschaft als Abschrift sind. Wo sind solche Wiederholungen in A? Da höre ich Kochen- dörffer sagen : „Das gerade sind die Fälle, die Reinolt 471. 472, Anz. 404 mitgetheilt werden. Das sind evidente Absch reibe i'- versehen." Darauf antworte ich: Solche Fälle kön nen Abschreiber- versehen sein, sie sind es aber nicht nothwendig. So lange nicht noch ganz andere Gründe hinzutreten, ist der Beweis windig. Wem, der beim Schreiben sich selbst beobachtet, ist nicht schon der Fall begegnet, in dem man ein Wort des schon fest im Sinne stehenden Satzes vorausgreifend niederschreibt, noch ehe es dem Zusammen- hange nach kommen sollte. Das begegnet beim freien Schaffen ohne Anlehnung an einen abzuschreibenden oder zu übersetzenden Text, wie viel leichter kann es geschehen, wenn man aus einer ganz nahe verwandten Sprache Wort für Wort nur einfach dem Laute nach tibersetzt, wie der Bearbeiter des Renout es so vielfach that. Es sind also Fehler möglich, die eigentlichen Abschreibfehlern sehr ähneln. Und nun war der Übersetzer doch ein so leichtfertiger Patron, wie kaum erhört ist. Wer „Übersetzungen" geben konnte, wie ich sie Reinolt 487 — 89 mittheile, der war doch wohl Alles fähig. So schreibt der Edle 601. 602:
yiSprechent zu uns durch uwer ere umb wol tun ummermer!^^
Vgl. Rt 93. 94 Spreict iegen ons, Haymijn here, Dat u God geve ere! Zuerst sehen wir da das Bestreben zu kürzen bei dem Bearbeiter, dann die Reimnoth'^) und dadurch die unsinnige Flickerei.
2118 Herre got han sie verbrochen alle gader. Das soll ursprünglich heißen: „Ihr Gut haben sie allesammt ver- wirkt", wie die Volksbücher ausweisen. Offenbar liegt ein grobes Mißverständniß des Verfassers von P zu Grunde.
2512 das er begunde Ja verbluden
Vgl. Rt 209 Dat men there sach verblöden.
') Vgl. Germ. 53 unten.
') Die Kochendörflfer (405) nicht zugeben will.
DIE HANDSCHRIFTEN DES REINOLT VON MONTELBAN. 37
Soll heißen: „Daß man das Heer (der Verfolger) sah verzagen " Auch hier grobes Mißverständniß in P und daher unsinnige Text- gcstaltung.
2705 Da sprach von Galsongen^ das loere der synn myn, Reymar, ein ritter hone und fin.
Vgl. Rt 482 Doe sprac van Gascoengen Renier . 1 . coene ridder ende . i . fier. Hier entschieden Reimnoth wegen des ungeläufigen fier, vielleicht auch wegen der Verlesung des Namens Renier in P; in Folge dessen Ein- flickung eines ganz unsinnigen Zwischensatzes.
2845 Nu wil ich ein huß tun machen.
Vgl. Rt 651 Oi heren, hedi wille hi
.1. huus maken also vast. Es ist gänzlich widersinnig, dem König Yve die Absicht zuzutrauen daß er für Reinolt eine Burg bauen wolle, wie hier P thut.
3405 — 9. Reynolt schneidet nach P seinem Vater Hand Nase und Mund ab. Dies kann nur ein grobes Versehen von P sein, denn in Wirklichkeit wird Hejme nur gebunden (vgl. 3437) , wohl aber der Bote verstümmelt.
An der Schreibung det 3898 für mit sehen wir, daß der Schreiber A bei seiner Arbeit doch etwas dachte; daß er die Irrigkeit seines Gedankengangs, nachdem er wieder in die Vorlage gesehen, merkte und dann gemäß der Vorlage änderte. Immerhin viel für einen „Schreiber" !
10066 Do sprach die fraioe Claradys, und die trost Malegys: „Frauwe, laßt uch druiven.''^
Vgl. Rt 1378 Vrouwe, laet staen u luenen nu. Die Vorlage von P hatte sicher u iruren. Die Textgestaltung in P läßt als sicher annehmen, daß schon P den Fehler sprach für wende Rt machte. P verstand falsch: „Laßt euch anvertrauen" oder „Habet gute Zuversicht".
Grobe Mißverständnisse und in Folge dessen unsinnige Text- gestaltung finden wir ferner 12013. 14, 12092, 12343-46, 12433, 14943 u. 0.1).
Sind einem solchen Übersetzer, denn diese Stellen gehören doch wohl selbst für Kochendörffer diesem an, nicht Fehler zuzutrauen, wie sie K. 407 aufzählt?
') An allen diesen Stellen liest B getreulich ebenso wie A.
38 F. PFAFF
Aber Herr K. ist sehr verstockt und „hartgesotteü", wie er sich geschmackvoll ausdrückt, er rückt mir da ein Beispiel vor, von dem er sagt: „liegt nicht auch hier die Abschrift zu Tage?" Wir wollen das ansehen.
10026 muß heißen din fuß hat sie empfangen har; aber A liest in huß , B ir büß. Das ist ja recht merkwürdig, daß beide Hss. da so genau bis auf einen Buchstaben im Fehler zusammenstimmen. Nach K. soll das ein Abschreibfehler in A sein, denn auf B läßt sich K. hier gar nicht ein. Also B macht denselben Abschreib- fehler wie A, und einen ganz merkwürdigen. Nun frage ich: welcher Philologe wird glauben, daß diese beiden Hss., die nach Kochendörffer nicht unmittelbar, sondern durch eine gemeinsame Vorlage X verwandt sein sollen'), diesen „Schreibfehler" unabhängig von einander ge- macht haben? „Wer die Sprache dieser Versehen nicht versteht, der sollte aufhören sich für einen Philologen zu halten", sagt Kochen- dörffer, und er thäte nach solchen Leistungen sehr wohl, diesen Satz zu bedenken. Ganz ähnlicher Art sind die Fehler, die ich Germ. 52 zusammengestellt habe, um den unmittelbaren Zusammenhang von A und B zu beweisen"). Ein grundsätzlicher Unterschied ist durch- aus nicht nachweisbar. Beides sind Übereinstimmungen in groben Fehlern, auf welche der Zufall kaum führen könnte. Alle jene Stellen sollen nach Kochendörffer'scher Methode nur erhärten können, daß A und B derselben „Gruppe" angehören: „Schreibfehler können doch zwei Schreiber unabhängig von einander aus einer Hs. herübernehmen, die schon diese Schreibfehler hatte" (400). Also müssen diese Fehler schon in Kochendörffers gespenstischem „X" gestanden haben! Nun, wer hat denn dies „X" gemacht? Doch wohl der Verfasser von P. Und doch soll in dem Falle 11026 in Bezug auf A gerade ^die Ab- schrift zu Tage liegen"'. Jene gemeinsamen Fehler sollen eine gemeinsame Vorlage X für A und B erweisen, die also jene Fehler schon gehabt haben soll; der Fehler 11026 dagegen soll nur be- zeugen, daß A Abschrift ist. Aber B hat mit einer unbedeutenden Variation denselben Fehler: folglich stand nach Kochendörffers Auf- fassung der Fehler schon in X, denn an einen Zufall wird hier Nie- mand glauben. Und doch soll dies X i,die verlorene erste Nieder- schrift der Übersetzung^'' sein (406)! Die Folgerung wird bedenk- lich. Ich wiederhole: A ist, schuld jener Fehler, Abschrift; aber durch
*) Anz. 400.
^) 2445 slahen] sahen k^, 2705 Oascongen] Oalsongen AB, 11373 laßen] kaßcn AB, 14950 wol] loor AB.
DIE HANDSCHRIFTEN DES REINOLT VON MONTELBAN, 39
diesen Fehler aus der gleichen Kategorie in A und B wird erwiesen, daß auch X, das Original, solche Fehler haben konnte. Was be- weisen nun unter solchen Umständen jene Fehler für A??
Allerdings, die Abschrift liegt zu Tage, die Abschrift B aus A. Aber Kochendörffer wird sich zu helfen wissen, er wird wahr- scheinlich nun sagen: das X war schon Abschrift aus einem Y, und dem Schreiber X passirte das Schreibunglück in büß für din fuß. Nun dies Vergnügen ist dem Herrn zu gönnen. Mag er alle mög- lichen XYZ erschließen!
Was die Stelle 11026 angeht, so denke ich nicht daran, schon der Rths. ein boet für voet zuzutrauen, sondern ich halte sie einfach für einen Beweis der ungeheuerlichen Gedankenlosigkeit des Ver- fassers von P. Er wird wohl wirklich an Buße gedacht haben, denn 11025 in sutide begunde si sere clageti lenkt auf solche Gedankenver- bindung; aber es fiel ihm nicht ein, sich mit dem Sinne des Satzes zu plagen. Solcher Gestalt war die „Gedankenarbeit" des Dichters von P.
Nachdem die einfache Thatsache einmal erkannt war, daß der Verfasser von P seine Vorlage zum Theile mit sclavischer Treue, zum Theile mit unbekümmerter größter Nachlässigkeit behandelte, mußte man auch in der Beurtheilung der Schreibfehler der Hss. äußerst vorsichtig sein. Fehler, eigentlichen Abschreibfehlern ähnlich, und selbst Lücken konnten vorausgesetzt werden. Für Lücken hat sich kein entschiedener Beweis führen lassen. Einer oder der andere Fall konnte auch nicht genügen, um so mehr, als die einzige Hs. des Kt, wie ich im Reinolt gezeigt habe, überarbeitet ist. Nur eine Reihe ganz sicherer Lücken hätte etwas gegen die Originalität von A beweisen können. Bei B traf dies zu, nicht bei A. Da nun B in einer Reihe von Fehlern zu A stimmt und keine andere unmittelbare Vorlage voraussetzen läßt, so ist nichts wahrscheinlicher, als daß A die erste Niederschrift von P ist. Dies ist der Hauptgrund, auf den ich baute, nachdem der unmittelbare Eindruck der Hs. A einmal diese Vermuthung in mir erweckt hatte. Diesen unmittelbaren Eindruck konnte ich natürlich Niemand geben. Alle Beschreibungen nützen da nichts ^). Man muß da auf etwas Glauben hoffen. Es ist freilich in unserer Zeit Brauch geworden Alles anzuzweifeln, was anzweifelbar
') Doch sei hier darauf hingewiesen , daß A viel mehr Correctureu hat als B. Das Gewöhnliche ist doch das Stehenbleiben von Schreibfehlern. Daß der Schreiber A solche Sorgfalt an sehr vielen Stellen beweist, erhebt ihn wieder etwas über ge- wöhnliche Abschreiber.
40 *'. PFAFF
ist. Jenen Hauptgrund konnten gelegentliehe andere Beobachtungen nur sttitzen, ohne für sieh allein entschiedene Beweiskraft zu haben. Dahin gehören jene Stellen Germ. 56. 57, gehört die Thatsache, daß A viel mehr niederländische Worte und Schreibungen hat als B, also dem Originale entschieden näher steht.
Ich hielt also nach allen Erwägungen A für das Original von P und gab demnach einen Abdruck von A. Dafür hatten sich schon, ehe ich an die Arbeit herantrat, mehrere bewährte Gelehrte entschieden. Da nun der Verfasser von P so elend gearbeitet hatte, stellte es sich in vielen Fällen als sehr schwer, ja überhaupt nicht unterscheidbar heraus, was bloß Schreibfehler und was von dem Dichter verschul- deter Unsinn war. Es wäre ja ein billiger Ruhm gewesen, die meisten dieser Stellen zu bessern; aber ich beschränkte mich in, wie ich meine, philologischer Vorsicht darauf, Besserungen in den Anmerkungen mitzu- theilen. Hier und da bot B eine bessere Lesart, doch stets nur in Fällen, die kaum einen Zweifel zuließen; dann folgte ich B.
Diese zerstreuten besseren Lesarten von B sind es, mit denen Kochendörflfer seine Behauptung über die Selbständigkeit von B gegen- über A im Wesentlichen stützt (Anz. 400). B schrieb schön und sorg- fältig: daher die nur ganz geringen Abweichungen von A. Fehler macht jeder Abschreiber: daher die Lücken und Wiederholungen in B. Diese Besserungen, oft auch wirkliche Schlimmbesserungen, in B können alle von einem Schreiber herrühren. So die Besserungen einzelner Worte, so die größerer Stellen. Ich verweise auf meine Erörterungen Germ. 55. 56. Die Stelle 9308. 9 ist schon durch den drei- fachen Reim der Fassung B bedenklich. Daß 2658, aus welcher Stelle mir Kochendörffer auch einen Vorwurf schmiedet, in A nicht fehlt, habe ich Germ. 55 bereits gesagt^). „Die unzweifelhaft echten Sätze und Satztheile, welche in A fehlen, sind ganz unerklärlich, wenn B Abschrift von A ist", meint Kochendörffer. Nun, wo sind denn diese so pomphaft benamsten Sätze und Satztheile? Diese paar Kleinig- keiten ganz ohne allen Belang sollen unübersteigliche Hindernisse sein !
Ich habe allerdings die Ansicht ausgesprochen, B habe sich aus der mnl. Vorlage Raths erholt. Nichts wäre im Stande gewesen mich zu diesem Ausspruche zu bringen, hätte nicht in meiner Collation der Vers 2658 in A gefehlt. Da schien in der That ein unübersteigliches Hinderniß zu liegen. Ich hatte beide Hss. vor dem Drucke des Reinolt
*) Ich empfehle Kochendörffer, das „Erinnerungsvermögen" anderer Leute nicht zu „beleuchten", ehe er selbst seiner Sache gewiß ist.
DIE HANDSCHRIFTEN DES REINOLT VON MONTELBAN. 41
nie neben einander benutzen können, war also auf mein Versehen nicht aufmerksam geworden. Als mir später Herr Dr. Wille in Heidel- berg die Nachricht sandte, der Vers fehle in A nicht, war es längst zu spät.
Ich hatte mir Schriftproben von A gemacht. Als ich B verglich, überraschte mich die Ähnlichkeit des Ductus. Ich zweifelte noch , ob ich beide Hss. einer Hand zuschreiben könne. Eine Nachricht des Herrn Dr. Wille hob meine Zweifel. Als ich später beide Hss. in Heidelberg neben einander benutzte, konnte ich jene Annahme nur bestätigt finden. „Wer die Identität zweier Hände beweisen will, der muß sich mehr Mühe geben als Pfaff", sagt der gestrenge Richter (402). Schön, aber wie sollte ich das ohne Schriftproben, die mir der litterarische Verein nicht hätte machen lassen? Alle nöthigen Ver- gleiche hatte ich ja angestellt; aber würde man mir das aufs Wort geglaubt haben? Herr K. glaubt mir ja nicht die übei'raschende Ähn- lichkeit beider Hss. Wir sehen, wie Kochendörffer aus leeren Dingen große Vorwürfe zimmert.
A ist flüchtig und hastig geschrieben, daher die vielen Correc- turen und die Schreibfehler; B zeigt eine ruhigere, steifere Schrift. Ich hatte schon Gelegenheit, Brief- und Bücherschrift von urkundlich derselben Hand des 15. Jahrh. zu vergleichen. An dies Verhältniß wollte mich fast die Stellung der beiden Hss. zu einander gemahnen.
„Ausschlaggebend" sind Kochendörffer Gründe (402) gegen mich nicht. Die Namen beweisen bei einem Arbeiter wie der Verfasser von P einfach nichts. Sollte denn nicht selbst ein Abschreiber den so häufigen Namen Reinolt völlig in der Gewalt haben? Aber nein^ da haben wir Reinolt, Reynolt ; Reinald, Reinalt, Reynalt; Renolt, Rennolt. Die Reime auf -alt und olt beweisen doch wohl einen nicht etwa nur in einer Abschrift, sondern in P selbst bestehenden Unter- schied. Wir haben Friczhart Fryczhart, Fritzart und Wryczhart^). Namentlich dieser letzte Fall beweist etwas, denn er ist entschieden Eigenthuni des Verfassers von P, der hier also auch einmal völlig gedankenlos aus Rt die mnl. Form herübergenommen. Der Name des Grafen von Chalons kommt in folgenden Formen vor: Tsalons, Tsa- loyns, Tsaloyn; Thalons; Salon ß , Saloyn, Saloy. Soll die große Ver- schiedenheit der Formen mit Tis- und mit /(?- Schuld des „Abschreibers" A sein? Verschiedene Formen in P liegen unzweifelhaft vor in Mon- disdiet : nit 4930; Monsdier : schier 10720, Mondenstier : Berengier
*) ß setzt Friczhart, steht also dem nl. Originale ferner.
42 F. PF ÄFF
11512; Bayeren : Mondisteyien 10770. Rolants Schwert heißt einmal \m lle'imQ Durendal {: loal) 11789, ebenso im Versinnern 10195. 10350. 10386. 11836. 11838; aber 10192 und 10225 Durendart. Also doppelte Naraensform sogar über nur zwei Verse hinaus (10192 : 10195). Aus diesen Fällen, die ich leicht verdoppeln könnte, geht mit Sicherheit hervor, daß wir P sehr verschiedene Namen und überhaupt gewaltige Verlesungen zutrauen dürfen. Der Bearbeiter arbeitete zum Theile einfach als Abschreiber.
Vielleicht, ja sogar wahrscheinlich, hat auch der Verfasser des Rt sich solche grobe Felder zu schulden kommen lassen. Es handelt sich um die Stelle P 231—34:
Ef)" rif'ff' Wilhelm von Oryngen
und bat rat zu diesen dingen,
er 7'iejf dem greven Gyllyn
und dem lierren van Orynpin.
In der Anmerkung zu der Stelle ist bereits darauf aufmerksam ge- macht, daß die hier genannten Personen höchst wahrscheinlich eine Person sind. P könnte nur Onjninn für Oryngen zufallen. Wilhelm und Gyllyn neben einander erklären sich aber nur aus der französischen Vorlage des Rt.
Ich glaube voll und ganz, daß A (P) 3257 sein mante wan für Montelban aus einem Mißverständniß oder besser Nichtverstehen der Stelle, bewirkt durch das etwas ungewöhnliche uiver sone von M., geschöpft hat. Ebenso glaube ich, daß B ganz selbständig dies in Montelban gebessert hat. Man bemerke immerhin, daß A nur einmal diesen Fehler begeht, während B Montelban sehr häufig verliest oder verschreibt! Wieder ein ganz verschiedenes Verhalten beider Hss.
Sollte nun auch mit dem Entgehen des Falls 2658 meine An- sicht, daß der Schreiber B selbst den Rt benutzt habe, sollte meine Vermuthung, der Schreiber A und B sei derselbe, hinfällig werden, so ist doch unter allen Umständen daran festzuhalten, daß A die erste Niederschrift des Verfassers von P, und B Abschrift aus A ist.
Nun noch ein paar Einzelheiten. Kochendörfi"er meint, ich stelle mir die Herstellung einer Hs. sonderbar vor, da ich glaube, der Schreiber beginne auf dem Vorsetzblatte. Unter „Vorsetzblatt" ver- steht man doch gewöhnlich ein vorgeheftetes Blatt, das nicht zur ersten Lage des Buches gehört. Kochendörffer möge Reinolt S. 468 nachlesen, dort heißt es deutlich: „Bl. 1 a, b steht die Jahrzahl .1474.
DIE HANDSCHRIFTEN DES KEINOLT VON MONTELBAN. 43
und darunter Attempto." Oben war von Bl. 1 a, a die Rede. Der Herr übersieht, daß ich nicht 1 a und Ib sagte').
Ist es nicht trotz KochendörfFers Anuaerkung S. 398 „ungewöhn- lich, daß ein Buch allein durch den Wahlspruch eines Fürsten als zu dessen Besitze gehörig . . . gekennzeichnet ward", wie ich Germ. 51 sagte?-)
Kochendörffer hat wirklich Recht (401 Anm.) : ich habe wirklich Reinolt S. 472 gesagt, daß zwischen beiden Hss. sechs Jahre lägen, und es ist doch, wie ich schon Germ. 61 bemerkte, etwas weniger, vielleicht aber doch auch mehr!
Also der „Titel" des Gedichtes lautete im 15. Jahrh. wohl schon „Reinolt von Montelban"? (403 oben.) Schön, daß wir das wissen.
Kochendörffer will (405) nicht gelten lassen, daß der Bearbeiter P Reimnoth gehabt habe, denn er habe sich ja oft genug um Reime gar nicht gekümmert. Nun, ich meine, der Bearbeiter hat doch reimen wollen, sonst hätte er überhaupt Prosa geschrieben. Er hat sehr verschieden gearbeitet, war einmal nachlässiger als das andere Mal: also konnte er einmal Reimnoth haben, ein anderes Mal die Reime ruhig weglassen^).
Ob meine Untersuchungen so ganz ohne Verdienst sind, wie Kochendörffer meint (408) , lasse ich dahingestellt sein. Daß ich sie möglichst vollständig ausgestattet, ist nur gut, denn es hat sich ja gezeigt^ daß einer Behauptung ohne augenfällige Beweisstücke nicht geglaubt wird.
„So wird die wichtige Frage nach dem Verfasser einer even- tuellen späteren Untersuchung vorbehalten aus dem seichten Grunde, weil Pfaff von Heidelbei'g fern ist!" meint Kochendörffer S. 408. Ich hatte Reinolt S. 475 gesagt, ich könne in der Frage, ob Johann von Soest als Verfasser von P anzusehen sei, aus jenem Grunde nicht entscheiden. Es lag doch auf der Hand, daß zunächst Johanns Kinder von Limburg (25000 Verse) und der Malegys (über 20000 Verse), auch
') Zeile 17 lies: Bl. 2a.
*) Kochendörfler sclieint zu meiuen, Jeder, der mit dem litterar. Vereine zu thun hatte, müsse auch die etwa 180 Publicationen dieses Vereins gelesen haben! Ich bedauere bisher nicht die Zeit dazu gehabt zu haben, so gern ichs gethan hätte. Wenn der jetzige Präsident des Vereins S. 250 der Publ. 56 über den Punkt „Attempto" des Längeren handelt, so wäre es doch dieses Herrn Pfliclit gewesen, mich auf das Versehen aufmerksam zu machen, da alle Manuscriple und Correcturen seiner Auf- sicht unterliegen.
3) Vgl. das S. 36 über 601. 601 und 2705 Gesagte. Hier ist dem Reime, der doch auch fehlen konnte, zu Liebe der Sinn geopfert.
44 F. PFAFF, DIE HANDSCHRIFTEN DES KEIXOLT VON MONTELBAN.
der Ogier, welche alle ungedruckt und nur in Heidelberger Hss. überliefert sind, eingehend zu prüfen seien, ehe irgend etwas über den Verfasser von P festgestellt werden konnte. Ich war nicht in der Lage mir diese werthvollen Hss, alle senden zu lassen und hatte auch schlechterdings keine Zeit sie nur zu lesen, denn dies [hätte doch auf der Bibliothek stattfinden müssen. Bei täglichen sechs Amts- stunden rait anstrengender Thätigkeit, bei Krankheit im Hause waren das unmögliche Dinge. Aber ich war doch bei einem vorübergehenden Aufenthalte in Heidelberg im Stande, das Eine festzustellen, daß Johann von Soest rait Reinolt und Malegys nichts zu thun hat ') Vgl. Reinolt S. 678 unter Nachträge. Das ist der „seichte Grund" des Herrn Kochendörffer !
Daß Kochendörffer dem gewöhnlichen Sprachgebrauche entgegen unter „Besitz" etwas anderes verstanden haben will als unter „Eigen- thum", ändert an der Sachlage schlechterdings nichts.
Kochendörffer hat sich auf seine „Conjectur" Karleti für Barleti im Rückentitel der Hs. B sehr viel zu Gute gethan, er hält sie für einen Beweis von „Intelligenz". Daß ich diese auf der Hand liegende Besserung verachtete, scheint dem Herrn „Dünkel" ! Um zu denken, daß der Rückentitel B von der Hand eines römischen Geistlichen herrühre, bedurfte es keiner sonderlich „lebendigen Phantasie", wenn man weiß, daß die bei den Heidelberger Hss. häufigen hellen Per- gament- und Pappbäude, wie der von B, sehr wahrscheinlich aus Rom stammen. Insofern wich meine nicht öfi'entlich ausgesprochene Ansicht über Barleti allerdings von der Kochendörffers ab, als ich nie daran dachte, daß * Karleti eine „Zusammenziehung" aus Karlmeineti oder Verlesung aus ^rtr/<^mi {= magni) sein könne. Auf solche wunder- liche Bahnen kam ich gar nicht. Die einzige Möglichkeit schien mir die Annahme eines Deminutiv s *Karlefus; da mir aber diese Form niemals vorgekommen war, unterdrückte ich diesen Einfall gänzlich. Ich hatte versäumt, Förstemanns altd. Namenbuch zu Rathe zu ziehen. Da finden wir verzeichnet die Formen Carlictus, Carlittus und Caro- letus. In dem von Förstemann angezogenen Andreae Bergomatis Chro- nicon'') finden sich die Formen Karolitus ^ Karoletus, KarUtus. Aller- dings fehlt auch hier ein "^Karletus^ aber diese Form gewinnt nun Wahrscheinlichkeit. Also keine „Zusammenziehung", kein Karlmeinefus
') Über Johann von Soest vgl. jetzt meinen Aufsatz im Jahrgänge 1887 der Allgem. conserv. Monatsschrift. H. Suchier wird eine Ausgabe von Johanns Gedichten bringen.
') Mon. Germ. V (Script. lU), 238.
G. EHRISMANN, ZU GERMANIA XXXII, 97. 45
und Karlemagnus , sondern D e ra i n u t i v f o r ra ! Übrigens bleibe ich dabei, daß der Schreiber des Rückentitels an jenen Barletus gedacht haben kann, zudem lag das Wort an sich einem Italiener nahe ').
Die Sache mit dem Präsidenten des litterarischen Vereins will ich hier nicht erörtern, da sie persönlicher Natur ist. Ich bin nicht der Einzige, der zu klagen hat. Die Zeichen werden sich mehren.
Es hat sich, glaube ich, nicht zu Kochendörffers Vortheil gezeigt, wo der „Dünkel" und die „Defecte in Wissen und Urtheil" zu suchen sind. Die neuen Verdächtigungen meiner amtlichen und wissenschaft- lichen Thätigkeit , die feine Art, mit welcher der Herr einen Dritten heranzieht, und namentlich der mir ohne einen Schatten des Beweises gemachte Vorwurf der Unwahrheit bezeugen zur Genüge, weß Geistes Kind Kochendörffer ist. Ich bin mir bewußt, in der ganzen Sache mit Offenheit und Geradheit gehandelt zu haben. Daß Kochendörffer sich über die „nicht gerade höfliche" Form meines Briefes wundert, ist etwas naiv: er hatte mich mit öffentlichem Hohne bedacht und er- wartet nun noch mit Handschuhen angefaßt zu werden. Diese Herren greifen Jeden an, der nicht zu ihnen gehört; wehrt er sich dann, so zeigen sie mit Fingern auf ihn. Ich übergebe nun die Sache dem Urtheile gerechter und parteiloser Richter, die es verstehen Tadel und Hohn einander fern zu halten, und sage meinerseits: Hiermit genug!
FREIBURG i. Br. 1887. FRIDRICH PFAFF.
ZU GERMANIA XXXII, 97.
Von der Paulinzeller Rennerhandschrift haben die Herren Rector Schmid und Professor Einert in Arnstadt seither wieder ein Blatt gefunden, wovon sie mir freundlichst Abschrift einsandten. Es enthält die Verse 22959 — 23401 ; zwischen 23072 u. 73 sind eingeschaltet die Verse 21843 — 56 und 19769. 70. Die Abstammung von z bestätigt sich durch die Beschaffenheit der Lücken und durch mehrere in H und Pz gleiche Fehler, wovon folgende die wichtigsten sind: V. 23040 Stryt vnd torney had vorlegen (had fehlt H). 23044 Daz wir vns seiden uf richten wedir (seiden vns H). 23396 Wer sprichet ich habe dicke geruret.
PFORZHEIM. GUSTAV EHRISMANN.
') Mlat. barletus, ital. barile, harletto = Fäßchen.
46
E. ETNERT, PFAFFE AMIS 1—72.
PFAFFE AMIS 1—72.
Die Handschrift bildet den Klingen. Schw. Sond.
Hirvor was pris und ere
Geminnet also sere
Ett hoviscli man to hove quam
Dat me gerne von im vornam
Seidenspil singin oder sayn
Dat mut me nu sere vorsayn
Und is nu leider alliz unwert
Dat is nimant engert
Konde en man one mere
Die gut den lutea were
Vor sorge und vor armut
Und dünnet nu vil sedden gut
Wat ymant mit worden kunsten kan
Wi seiden en hovesch man
To hove ge baren
Deü kan ik nich bewaren
Ik kan geruger worde vil,
Dat betuge ik wie it hören wil
Wor men der hone tucht nicht engert
Dar bin ik enes doren wert
Also wert ik des gewert
Nu hört was hervor geschach
Do sute wort die sorgen brach
Und man ere vor sorge untfing
Und wi die milde vor dem kargen ginc
Vor die lughen ginc die warheit
Und die vromecheit vor die bosheit
Und ginc dat recht vor unrecht
Die demut was des vrides knecht
Dat was in den stundin
E trigen worde vundin
Von ienis manis munde.
Nu sait uns die strickere Wer die erste man were Die ligen trigen angeyienc Und wa sin wille vor sich ginc
Einschlag einer Amtsrechnung aus
Dat hie widersate ni envanc
Hie hatte hus in engelant
In euer stat Tranis
Und die pape het amis
Und was der buk en wiser man
Und vorgap vil wat hie gewan
Beide dor ere und ok dor got
Dat hie der milden gebot
To neuer stunt nie overgie.
Hie let die geste und entfinc
Me den die jene taten
Die oner on gebot baten
Sin milde wat so grot
Dat is dem biscop vordrot
Dem hie was gehorsam
Dat so vil von om vornam
Des let hie nicht ane nit
Und quam to im in ener tit
To im sprak der biscop
Here gi hebbet grotern hof
To allen tiden den ik
Dat dunket mi ungelik
Gi hauet over rikes gut
Dat gi mit honisheit tut
Sus sul gi mi en del geuen
Dar dozue gi nicht wider sheuen
Des wil ik nicht enbern
Wen gi mut mi gewern
Dat wil ik von in harde gern.
Do sprak die pape amis Min mut stet to sulker wis Dat ik min gut wol vortere Mit rechten ik mi des irwere Dat mi nicht oner bliven sol Were is mer ie bedorfte is wol.
E. EINERT.
F. GRIMME, BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE DER MINNESINGER. III. 47
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE DER MINNE- SINGER. III.
1. Brunwart von Augheim. Der Dichter Brunwart von Ougheim , dessen Heimat der Breis- gau ist, gehört dem Ausgange des 13. Jhs. an. Das Geschlecht, dem er entstammt, scheint nicht bedeutend gewesen zu sein, da uns nur äußerst spärlich Mitglieder desselben begegnen. Nach v. d. Hagen IV, 417 ist das älteste bekannte Johannes im Jahre 1130. Dann haben wir eine Lücke von über 100 Jahren, und erst im Jahre 1236 treten uns Heinrich von Augheim und sein Bruder Rudolf milites entgegen, welche mit ihren Hausfrauen und Kindern der Abtei Olsberg das Dorf gleichen Namens für 150 Mark Silbers verkaufen unter der Bedingung, dass die Nonnen dieses Klosters der Kirche zu Zeiningen eine Rente von jährlich 10 Solidi Basler Münze auszahlen. Unter den Zeugen dieser Urkunde findet sich noch ein namenloser de Ocheim et Hein- ricus ülius suus. (Trouillat, Monuments de l'histoire de Tancien eveche de Bäle H, |4)- A^er oben genannte Rudolf ist als schultheisze ze Nuwenburg anwesend bei der Ausgleichung zwischen dem Markgrafen von Hochberg und dem Grrafen und den Bürgern von Frei bürg. 8. Oktober 1265 (Schreiber: Urkundenbuch der Stadt Freiburg 1, -l^). Außer den erwähnten ist es einzig der Minnesänger, welcher in der Folgezeit von dem Geschlechte noch genannt wird, und zwar ündet er sich vom Jahre 1286 — 1303, nicht, wie v. d. Hagen angibt, bis zum Jahre 1296, in Urkunden. Zu den bereits von letzterem gebrachten Nachweisen kann ich noch drei neue hinzufügen. Zuerst ist Brun- hardus de Oucheim miles Zeuge zu Neuenburg im Breisgau am 18.,Oktober 1289, als der Neuenburger Bürger Johannes von Tusslingen dem Ulrich von Langenberg und dem Kollegium zu Beromünster alle Güter zu Augheim verkauft, welche er von den Grafen von Froburg erworben hatte. (Neugart, Episcopatus Constantiensis H. 369). Die folgende Urkunde ist ebenfalls zu Neuenburg ausgestellt im Jahi'e 1295 und meldet uns über den Vertrag, den der Leutpriester Ulrich zu Aug- heim mit dem Kapitel zu Beromünster über die Theilung der Früchte im Jahre 1295 geschlossen „nach ehrbaren luthen rathe". Unter diesen wird zum Schluß genannt: und Herr Johannes Brunwarth von Ougheim (ib. 557). — In dem Streite des Bischofs und der Stadt Basel mit dem Grafen und der Stadt Freiburg i. B. bestimmt der Bischof von
48 F. GRIMME
Strasburg als Schiedsrichter, dass die Parteien sich an den Spruch des Gerichtes zu Cume (Como?) halten sollen , in dem das Streitob- ject schon beigelegt sei. Borre, 12. März 1296. Unter den Zeugen: ratliute von Friburg, herr Brunward von Oughein (Trouillat II. fl-y und Schreiber: Urkundenbuch von Freiburg I. '^rV )• Diese Urkunde ist zwar von v. d. Hagen schon erwähnt, der Inhalt jedoch falsch an- gegeben. — Endlich findet sich in dem Verzeichniß der Einkünfte und Leistungen der Herzoge von Osterreich und Landgrafen im Elsaß aus dem Jahre 1303 noch folgende Stelle: Daz torf ze Brunkein daz da giltet . . . ze sture bi dem meisten VI ^, zem minsten IUI ii ist wol uf XL jar gestanden mit allem recht ze hinsture hern Brunwart von Oughein für XXIIII mark silbers (Trouillat III. %\).
2. Bruno von Hornberg. Im 13. und 14. Jh. sind mir bis jetzt drei Personen aufgestoßen, welche den Namen Bruno von Hornberg tragen ; von diesen können jedoch für den Minnesinger nur zwei in Betracht kommen, da der Brun von Hornberg, welcher zu Rottweil am 7. Juni 1387 in einem Vertrage zwischen Snevelin zu Weier und den Herren von Hornberg wegen des Dorfes Ebringen und des Schlosses Schneeberg genannt wird, entschieden zu jung ist. (Mone, Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 18. 465). Bruno I. tritt uns zuerst in Verbindung mit seinem Bruder Werner am 16. November 1219 als Zeuge entgegen, als der Dynast Rudolf von Ysenberg eine Urkunde ausstellt über die Verleihung der Güter bei Langenbogen, welche das Kloster Thennen- bach von Hans von Kenzingen erworben hat, zu einem rechten Erb- lehen an das genannte Kloster (Mone, Zeitschrift 9. 231). Es folgt dann die schon von v. d. Hagen angeführte Urkunde aus dem Jahre 1234. Wenn nun letzterer meint, der im Jahre 1276 mit Walter von KHngen in Basel beim König Rudolf sich befindliche Bruno von Horn- berg sei identisch mit dem vorgenannten, so wird er sich doch wohl in einem kleinen Irrthum befunden haben. Ich glaube vielmehr, daß dieser Bruno der zweite des Namens ist^ welcher vom Jahre 1275 bis 1306 in Urkunden erscheint. Es müßte doch merkwürdig sein, daß eine adelige Persönlichkeit aus einem ziemlich bedeutenden Geschlechte 42 Jahre vollständig aus den Urkunden verschwinden sollte; außer- dem müßte dieser Bruno ein sehr hohes Alter erreicht haben, da er wie gesagt, bereits im Jahre 1210 als Zeuge vorkommt. Seine Geburt haben wir somit spätestens an den Ausgang des 12. Jhs. zu verlegen. Da nun der andere Bruno im Ganzen in sechs Urkunden auftritt, die
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE DER MINNESINGER. III. 49
in nicht allzugroßen Zwischenräumen sich folgen, so ist der Schluß nicht sehr gewagt, daß diese sämmtlichen Urkunden sich auf dieselbe Person beziehen.
Das Geschlecht, dem der Minnesänger angehört, darf nicht als zu unbedeutend aufgefaßt werden, wie aus den folgenden Urkunden hervorgeht; treffen wir doch sogar Bruno von Hornberg mit Walter von Klingen in Kaiserdiplomen als glaubwürdigen Zeugen. Es ist dies der Fall in der berühmten Urkunde des Kaisers Rudolf, d. d. Hagenau 8. December 1275, in welcher er die Stadt Straßburg in seinen besonderen Schutz nimmt und ihr alle früher bewilligten Frei- heiten bestätigt (Urkundenbuch der Stadt Straßburg IL 47). Es ist wohl anzunehmen, daß diese Urkunde die gleiche ist, welche Kopp, Geschichte der eidgenössischen Bünde I. 57 anführt mit dem Datum 5. December 1276. Beide haben denselben Gegenstand und die gleichen Zeugen. — Als Egeno III. Graf von Ftirstenberg, nach langer heftiger Fehde mit den Einwohnern von Villingen endlich zum Vergleiche sich herbeiläßt^ stellt er am 26. Juli 1290 der genannten Stadt einen Sühne- brief aus. In diesem verspricht er, die Rechte und Privilegien der Stadt unangetastet zu lassen und stellt dafür neun Bürgen, u. a. sei- nen Bruder Friedrich ; darauf folgen sogleich avunculi Friedricus et Bruno de Hornberg (Neugart, episc. Constant. IL 371 und Fürsten- bergisches Urkundenbuch I. 607). Während der Herausgeber des letz- teren den Namen avunculi einfach für einen Ausdruck der Courtoisie erklärt, macht Mone, Avelcher den zweiten Band von Neugart bear- beitet hat, zu der obigen Urkunde die Bemerkung: .,Wenn das Wort avunculus in seiner eigentlichen Bedeutung genommen wird, so kann es nicht zweifelhaft sein, daß Agnes, die Mutter Egenos, die Schwester jener war." Welche Erklärung die richtige ist, wird sich schwer er- weisen lassen. Wie dem aber auch sei: der Beiname avunculi, sowie die Stellung der beiden Brüder direet hinter dem Grafen Friedrich sind wiederum ein Beweis von dem Ansehen, welches das Geschlecht derer von Hornberg in seiner Heimat genoß. — Die folgende Urkunde gibt uns einen kleinen Anhalt über die Besitzungen der Familie. Die Brüder Friedrich und Bruno von Hornberg verkaufen nämlich alle ihre Besitzungen zu Emmendingen, Mundingen und Aspen um 20 Mark Silbers an das Kloster Thennenbach, und Graf Egeno und Friedrich besiegeln die darüber ausgestellte Urkunde. Freiburg 11. Februar 1296 (Mone, Zeitschr. 10. 316). An derselben ist das gemeinsame Siegel der Brüder von Hornberg erhalten, welches Mone beschreibt, wie folgt : „Es ist rund, in dreieckigem, von zwei auf einem Berge knienden
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jugendlichen Gestalten gehaltenen Schilde zwei auf drei Bergen mit ihren Spitzen aufstehende Hörner; hinter dem Knaben rechts Fried- rich, hinter dem links Bruno, Umschrift: S. Nobilium de Horenbergh." Er fügt noch hinzu, daß die Herren von Tryberg mit ihnen verwandt sind und das gleiche Wappen führen. Dieses stimmt genau mit dem der Pariser Handschrift. — Zu Freiburg am 17. Januar 1297 ver- pfändet Graf Heinrich von Freiburg seinem Bruder Egen die Silber- bergwerke im Breisgau, welche sie beide gemeinsam vom Bisthum Basel zu Lehen führen, was seine Berechtigung daran betrifft, für die wegen 1000 Mark Silbers von demselben und seinem Sohne Conrad für ihn ihrem Vetter, dem Grafen Egen von Fürstenberg und Friedrich und Bruno von Hornberg geleistete Bürgschaft, für die nächsten fünf Jahre (Mone, Zeitschr. 19. 80). Wieder treffen wir die beiden Brüder in Verbindung mit dem Grafen von Fürstenberg, und wenn sie zu- sammen mit jenem eine Summe von 1000 Mark Silbers verleihen können, so ist das sicher ein Zeichen von der Bedeutung, Macht und dem Reichthume des Geschlechtes. — Als Werner von Staufen dem Grafen Conrad von Freiburg für sich und alle seine Freunde und Helfer Ur- fehde und Sühnebrief ausstellt wegen erlittener Gefangenschaft und aller Beschädigung, Freiburg 2. December 1306, besiegelt die Urkunde Bruno von Hornberg (Mone, Zeitschr. 11. 446). Seit diesem Jahre ist mir Bruno in Urkunden nicht mehr begegnet, während sein Bruder Friedrich sich noch am 18. Februar 1311 und am 24. September 1314 in Freiburg findet.
Fragen wir nun, in welchem der beiden letztgenannten Brunos wir den Minnesinger zu erblicken haben, so werden wir uns wohl schwerlich mit v. d. Hagen für den älteren entscheiden. Vielmehr spricht alles , besonders der Charakter der uns erhaltenen Gedichte, dafür, daß der zweite Bruno der Dichter sei, wie auch schon Mone (Zeitschr. 10. 316) vermuthete. Die Heimat des Geschlechtes ist Horenberg auf dem Schwarzwalde an der Gutach , wo Althornberg, die Stammburg der Edlen von Hornberg, stand.
3. Walter von Breisach. Bauer hat in der Germania 1873 zu erweisen gesucht, daß der im letzten Viertel des 13. Jhs. zu Freiburg im Breisgau sich findende rector puerorum Waltherus identisch sei mit dem Meister Walter von Breisach. Bevor ich den genannten Aufsatz gelesen, war mir die gleiche Vermuthung aufgestoßen, und ich schließe mich daher den Ausführungen Bauers voll und ganz an. Zur weiteren Kenntniß des
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Lebens dieses bürgerlichen gelehrten Sängers führe ich noch Folgen- des an. Der Schultheiß Hiltebrant Spenlin von Breisach entscheidet einen Streit zwischen dem Kloster Thennenbach und denen von Kep- penbach wegen Nutzung der Weide und des Wassers in der Gemar- kung Keppenbach, wo beide Theile begütert sind. 9. Januar 1276. Unter den Zeugen: Meister Walther, der Schulmeister ze Vriburg (Mone, Zeitschr. 9. 461). — Die Kinder des verstorbenen Reinhard von Falkenstein verkaufen mit Genehmigung der Grafen von Freiburg ihren Hof zu Holzhausen, der von ihren Eltern an das Frauenkloster Adelhausen verpfändet war, um diese Schuld tilgen zu können, um 7OV2 Mark an das Kloster Thennenbach, Freiburg, 20. August 1294, wobei unter den Zeugen Meister Walther, der Schulmeister ze Friburg erscheint (ib. 10. 250). — Der Nachfolger Walters in Breisach kann magister Cuno de Brisaco gewesen sein, der am 11. Februar 1279 in einer Urkunde des Bischofs Rudolf von Constanz als Zeuge auftritt (ib. 9. 471).
4. Der schuolraeister von Ezzelingen.
Über den magister Henricus rector scholarum seu doctor puero- rum in Ezzelingen, welcher der Zeit nach und nach den Anspielungen in seinen Gedichten wohl für den Minnesinger gehalten werden muß, führt Bartsch, deutsche Liederdichter LXV vier Urkunden aus den Jahren 1279 — 1281 an. Ich kann die Nachweise noch um zwei weitere vermehren. Am 27. Februar 1280 verkaufen Abt und Convent von Bebenhausen ein Haus in Eßlingen dem Merckelin von Dürkheim, wobei Heinricus rector puerorum in Ezzelingen als Zeuge erscheint (Mone, Zeitschr. 3. 346). Vielleicht ist die genannte Urkunde iden- tisch mit der von Bartsch angeführten vom 27. Februar 1279. — Der- selbe Heinricus rector puerorum in Ezzelingen bezeugt ferner zu Eß- lingen am 30. Mai 1281 eine Urkunde des Wolfram von Bernhausen^ in welcher dieser mit Zustimmung seines Lehnsherrn, Grafen Eber- hard von Würtemberg, um 800 <U Pfennig an das Kloster Bebenkausen, die Vogtei zu Ittingshausen mit allem Zubehör und Rechten verkauft (ib. 421). Über diese Zeit hinaus ist Heinrich bis jetzt noch nicht nachgewiesen. Daß er nicht all zu lange mehr gelebt haben kann, geht daraus hervor, daß wir schon im Jahre 1293 einen Conrad als Schulmeister in Eßlingen finden, der bis zum Jahre 1302 fünfmal mir in Urkunden begegnet ist.
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5. Goldener.
Da Goldener in seinen Gedichten den Markgrafen Otto IL, den Langen, von Brandenburg und Fürst Wizlav von Rügen erwähnt und lobend hervorhebt, so muß er um das Ende des 13. Jhs. gelebt und gedichtet haben. Um diese Zeit habe ich nun drei Personen des Namens Goldener getroffen; der älteste von ihnen ist Conrad, welcher am 5. März 1261 zu Messkirch als Zeuge auftritt, als Bischof Eber- hard IL von Constanz den zwischen dem Kloster Salem und dem Kirchherrn Bertold in Boll vollzogenen Tausch eines Gutes bei Mess- kirch gegen ein innerhalb der Gemarkung des Madachhofes gelegenes Gut bestätigt (Mone, Ztschr. 25, 399). Er nennt sich hier Conradus dictus Goldenaer. — Ob dieser Conrad identisch ist mit dem Con- radus Goldner, von dem das Stiftungsbuch des Cisterzienser-Klosters Zwetl, ed. von Joh. v. Fräst S. 509 berichtet: Item Cunradus Goldner
de una XXXV denarios Item Goldner XL denarios minus uno;
wage ich nicht zu behaupten, da die Aufenthaltsörter doch etwas zu weit von einander entfernt liegen. — Es folgt dann der Zeit nach Perchtoldus Golder, der zu Guntramsdorf am 1. September 1289 zu- gegen ist, als Leopold sen. von Sachsengang bekannt macht, daß Abt Ebro und Conveut von Zwetl duas urnas vini montani iuris et redditus duorum denariorum von Otto Herler um 15 solicli gekauft haben (ib. 571). Endlich ist zu erwähnen Calhochus de Goldner, welcher am 24. August 1302 eine Urkimde des Ortnid von Tanberch bezeugt, worin dieser meldet, daß mit seinem Willen Ulrich und Wern- hard von Berg den Brüdern zu Schlägel einen Mansus zu Widersöt behufs der Urbarmachung versetzt haben. (Urkundenbuch des Landes ob der Enns IV l^-f). — Sämmtliche Träger des Namens Goldner sind aus dem Süden Deutschlands, und wenn wir in einem dieser den Dichter erblicken wollen, so müßte derselbe zu Zeiten seine Heimat verlassen und als fahrender Sänger sich in Norddeutschland aufgehalten haben. Eine sichere Entscheidung über die Persönlichkeit des Dichters läßt sich bis jetzt noch nicht fällen, nur so viel können wir mit Gewißheit behaupten, daß der Goldenaere, welcher im Jahre 1197 im Urkundenbuche des Klosters Indersdorf erwähnt wird, viel zu alt, der Goldiner in Affeltrangen am 21. Januar 1356 (Regesten von Tobel, 86) und Claus Guldiner von Hertten, Reichenau, 22. Fe- bruar 1400 (ib. 67) entschieden zu jung sind.
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6. Pfeffel. Den Dichter Pfeffel, dessen Lob^edicht auf den Herzog Friedrich V. Osterreich, den letzten aus dem Hause Babenberg, früher als das Jahr 1246 fallen muß , der somit immer noch der besseren Zeit des Minnegesangs angehört, kann man besonders hinter vier Personen vermuthen. Der erste ist Henricus Pheffel, welcher am 6. Mai 1220 zugegen ist, als Euphemia Gräfin von Chleberg dem deutschen Orden die Hälfte der Vogtei über die Kirche in Morel schenkt, nachdem der Orden die andere Hälfte durch die Schenkung des Königs Friedrich schon längere Zeit besessen hatte (Meiller, Regesten der Babenberger Herzöge yll)- Von diesem verschieden wird wohl Heinricus pheffili miles sein, den Herzog, Germania 1884, S. 35 aus einer Olsberger Urkunde im Jahre 1243 anführt, imd den er für den Minnesinger hält, aber nur deshalb, weil er der einzige ihm bekannte Pfeffel vor dem Jahre 1246 ist. Ob er seine Ansicht jetzt auch noch aufrecht halten wird? — Über einen Pfeflfel ohne Vornamen berichten die Annales Scheftlarienses (Quellen und Erörterungen zur bairischen und deutschen Geschichte I, 391): Anno 1244 Phaphelinus occiditur. Hie fuit auctor captionis castri in Wolfrathusen. — Der vierte ist Walter Phephel, der im Jahre 1256 Zeuge war, als Smilo von Brunow dem Prämonstratenserstifte Geras den Hof zu Raystorf zurückstellt (Archiv für Kunde österreichischer Gesqhichtsquellen 2, 33). Außer diesen finden sich bis zum Ende des 13. Jahrhs. noch Otto Pfeflinus zu Schaumburg am 14. Juni 1272 (Urkdb. des Landes ob der Enns
III, T"ii)> Conrad Pfaffus von Schrowenstein, Schloß Tirol, 3. Januar 1273 (Ladurner, Urkundliche Beiträge zur Geschichte des deutschen Ordens in Tirol 37) und Heinrich dictus Pfeffelin zu Speier am 14. No- vember 1291 (Mone, Ztschr. 25, 334). Dem 12. Jahrh. gehört an Eberhardus Phaphilin de Nellenburc, der unter Abt Christian von Reitenhaslach (1175 — 91) erwähnt wird (ib. 31. 70), desgleichen im Güterverzeichniß des Klosters Salem (ib. 1, 335).
7. Der von Sachsendorf. W. Storck, der im Jahre 1868 die Gedichte Sachsendorfs her- ausgegeben, beschäftigt sich in der Einleitung auch mit der Persönlich- keit des Dichters, und obgleich er sich sehr vorsichtig ausdrückt, schenkt er der Bemerkung v. d. Hagens doch eine gewisse Beachtung, der MS.
IV, 236 sagt, daß der namenlose von Sachsendorf wohl der höfische Ulrich von Sachsendorf sein könne, welcher im Gefolge des Herzogs Friedrich von Österreich den Ulrich von Lichtenstein auf seinem
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abenteuerlichen Zuge als König Artus ritterlich begrüßte bei Neustadt a. d. Leitha. Auch Bartsch, Deutsche Liederdichter L, läßt die Frage nach der Persönlichkeit des Dichters unentschieden. — Das Geschlecht, dem obiger Sänger angehört, muß sehr unbedeutend gewesen sein, da uns Mitglieder desselben nur äußerst spärlich begegnen. Es sind überhaupt nur zwei Träger des Namens Sachsendorf, die mir bis jetzt aufgestoßen; zuerst Alhard von Sachsendorf als Zeuge in der Abfin- dung des Abtes Otto von Wilhering mit Otto von Buchberg wegen seiner Ansprüche auf das Gut Zemleub (Urkdb. des Landes ob der Enns II, f^f). Die Urkunde ist nicht datirt; aus inneren Gründen muß sie jedoch in die Jahre 1193 — 1200 fallen. Dann ist es noch der obenerwähnte Ulrich von Sachsendorf, über den wir zwei urkund- liche Notizen haben. Das Stiftungsbuch der Cisterzienserabtei Zwetl meldet auf Seite 439: [Hie est census, quem persolvere debemus de predio nostro in Sitzendorf Ulrico de Sahsendorf de vinea una VIII denarios, de agris XII den. et IV caseos vel XVI den. Die Notiz fällt ungefähr in das Jahr 1248. Wichtig ist die folgende Urkunde, welche bei Frieß: die Herren von Kuenring, Urkundenbuch XXVII abge- druckt ist. Hadmar von Kuenring verpfändet nämlich dem Bischöfe Conrad von Freising mehrere Güter zu Urleigstorf gegen Silbergeräthe und verpflichtet sich, wenn er zur festgesetzten Zeit dieselben nicht lösen würde, sammt seinen Mannen Engelschalk von Königsbrunn, Ulrich von Sachsendorf u. s. w. nach Passau zu kommen und daselbst nomine obstagii so lange zu bleiben, bis dem Bischöfe Alles ersetzt wäre. 30. April 1249 . — Was wir aus diesen Urkunden erfahren, ist, um es noch einmal kurz zusammenzufassen. Folgendes: Ulrich von Sachsendorf ist ein Ministeriale der Herren von Kuenring, außerdem hat er von der Abtei Zwetl einige Güter in Sitzendorf zu Lehen.
Da Alhard und Ulrich die einzigen Träger des Namens Sachsen- dorf sind, von denen wir bis jetzt Kunde haben, so müssen wir vor- läufig in einer dieser beiden Personen den Minnesinger erblicken. Alhard ist entschieden zu alt dafür, da die Gedichte Sachsendorfs durchaus nicht das Gepräge des 12, Jahrhs. tragen, und so haben wir denn, wenn nicht noch andere Mitglieder der Familie aufgefunden werden, Ulrich für den Dichter zu halten.
Es bleibt uns noch die Frage: Wo war die Heimat des Ge- schlechtes, oder wenigstens, nach welchem Orte hat es sich genannt? V. d. Hagen IV, 236, A. 1 meldet, daß ihm nur Dörfer des Namens Sachsendorf in der Mark, Meißen und Henneberg bekannt seien, da jedoch der Dichter ein Österreicher ist, so können diese hier für uns
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nicht in Betracht kommen. Dagegen gibt uns das Urbar des Passaui- schen Domcapitels, welches ungefähr um das Jahr 1230 verfaßt ist, (Archiv für die Kunde österreichischer Geschichtsquellen 53, 270) willkommenen Aufschluß. Dort heißt es nämlich: Anno, quando domi- nus Eberhardus de Jahenstorf prefuit officinae cellerarii (1220) sie ordinavit de rebus dominorum et aucgmentavit .... de decima in Cholensdorf et in Sehssendorf et in Hannedorf dabuntur II metrete tritici et III siliginis et V ordei et una avene et porcus valens XXX denarios et dimidium talentum. — ib. 274 heißt es dann nochmals: In Sehssindorf de III areis XLV. Dieses Sachsendorf ist nun ein Dorf bei Kollersdorf, Gerichtsbezirk Kirchberg am Wagram in Nieder- österreich, nicht viel nördlich der Donau. Da Sitzendorf, wo Ulrich von Sachsendorf Lehen innehatte, nur wenige Stunden nördlich von hier liegt, da außerdem die Herren von Kuenring, deren Vasall Ulrich war, dem niederösterreichischen Adel angehörten, so können wir mit völliger Gewißheit behaupten, daß von dem oben genannten Orte der Minnesinger sich genannt habe.
8. Hardegger. Der St. Gallensche Dienstmann Heinr. von Hardegge, welcher höchst wahrscheinlich hinter dem namenlosen Hardegger sich verbirgt, findet sich nach v. d. Hagen und Bartsch vom Jahre 1227 — 1264 er- wähnt. Doch nicht nur bis zum letztgenannten Zeitpunkte begegnen wir ihm; noch im Jahre 1275 tritt er mit Walter von Klingen in einer Urkunde auf. Zur weiteren Kenntniß seines Lebens führe ich die folgenden Urkunden an. Abt Berchtold von St. Gallen überträgt zwei kleine Güter in Dickbuch und Schotticon, welche Walter von Elgg, Dienstmann des Klosters St. Gallen, zu diesem Zwecke auf- gegeben hatte, als Zinslehen dem Frauenkloster Töss. St. Gallen, 21. Februar 1252. Zeuge: dominus Heinricus de Hardegge (Wart- mann, Urkdb. der Abtei St. Gallen III, 918). — Wilbrig, Gattin des Rudolf von Rorschach Ritter, verzichtet sammt ihren drei Söhnen auf alle Rechte an den ihr zum Leibgeding verschriebenen Hof Lankwatt .... prefata domina ad peticionem dicti mariti sui cessit et renun- ciavit omni iuri, quod sibi in eodem predio competebat ad manus nobihs viri Waltheri de Klingin, fratris sui. Constanz, vor der Kapelle St. Peter, 17. Juli 1275. Zeuge: dominus H. de Hardegge (ib. III, 1001b). Es kann kaum auffallen, daß Heinrich in einem Zeitraum von elf Jahren, von 1264 — 75, gar nicht in Urkunden uns entgegen- tritt. Zuerst sind uns überhaupt nur fünf Urkunden erhalten aus der
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Zeit von 1227 — 85, so daß wir über sein Leben nur höchst lücken- haft unterrichtet sind, sodann bezeugt die Antwort des Meisters Stolle auf eine seiner Strophen, daß er sehr lange gelebt und gedichtet haben muß. Wir haben daher gar keinen Grund, für die Urkunde vom Jahre 1275 einen zweiten Heinrich anzunehmen. Dieser begegnet uns erst zu St. Gallen am 11. October 1312 in einer Urkunde des Abtes Heinrich, wo unter den Zeugen ein Heinrich der Hardegger aufgeführt wird. (ib. 1204.) — In den Urkunden zu Joh. Caspar Zell wegers Ge- schichte des appenzellischen Volkes I, 62, ist das Verzeichniß der Zinse und Einkünfte der Kirche zu Marbach aus dem Jahre 1255 er- halten, in dem sich folgende Stelle findet: „.... dictus Hardegger recipit XI caseos de domino R. de Eschans socero suo,." Zu be- dauern ist es, daß gerade der Vorname, auf den hier so viel ankäme, nicht mit überliefert ist; der Zeit nach kann sich jedoch diese Notiz nur auf Heinrich von Hardegge beziehen, von dem wir hierdurch er- fahren, daß er eine Tochter des R. von Eschans zur Frau hatte. Daß dieser genannte Hardegger kein Bürgerlicher sein kann^, beweist schon der adelige Schwiegervater, und somit nehmen wir obige Notiz als einen willkommenen Beitrag zur Kunde des Minnesingers. — Weitere Personen des Namens Hardegge sind Wezilo, der am 12. Ja- nuar 1284 zu Lindau sich findet (Mone, Zeitschrift 39, 16), Rudolf von 1288 — 99 in Ragatz, und ein unbenannter zu Rapperswil am 7. September 1290.
9. Meister Heinrich Teschler^). Meister Heinrich Teschier, welcher schon am 9. November 1252 in einer Urkunde des Rüdiger Manesse zu Zürich nachgewiesen ist, lebte noch im letzten Viertel des 13. Jahrhs. Wir treffen ihn nämlich am 7. October 1284 zu Oetenbaeh als Zeugen in einer Urkunde der Priorin und des Convents zu Oetenbaeh, wodurch diese, von Gläu- bigern gedrängt, ihren zu Böstein gelegenen Hof saramt Waldung dem Amtmann Berthold von St. Blasien zu Klingnau zu Händen des letzt genannten Klosters verkaufen um 34 Mark Silber in baar (Huber, Regesten von Klingnau 20). — Ob aber der Dichter, dem die Pariser Plandschrift das Prädicat Meister beilegt, unbedingt dem bürgerlichen Stande angehöre, möchte ich noch bezweifeln. Wir dürfen doch vor- aussetzen, daß der Schreiber der Handschrift wenigstens über die Verhältnisse und Familien seiner engsten Heimat gut unterrichtet war.
•) Ich bemerke, daß mir bei Abfassung dieses Artikels die Schweizer Minne- sänger von Bartsch noch nicht zufjänglich waren.
K. BARTSCH, RÄTSEL. 57
Wenn er uns nun zu den Gedichten des Sängers ein Gemälde zeichnet, wie es nur für einen ritterlichen Dichter paßt, wenn er uns das Wappen mittheilt und, worauf ich das meiste Gewicht lege, wenn auf der Zeich- nung sogar der Ritterhelm mit Zimier sich findet, so glaube ich doch, daß wir Grund genug haben, den Meister Heinrich Teschler unter die ritterlichen edlen Sänger einzureihen. Dazu kommt noch, daß er in der Ur- kunde vom 9. November 1252 aufgeführt wird als Her Heinrich Teschler. Auch V. d. Hagen berichtet im Anschluß an Bluntschli u. a., daß in Zürich ein altes vornehmes Geschlecht der Täschler bestanden habe. Endlich tragen die Gedichte des Sängers ein gewisses vornehmes Ge- präge, wie man es bei bürgerlichen Dichtern, die doch meistens dem niedern Stande angehörten, nicht antrifft. — Was das Beiwort Meister angeht, so kann man es, wie das schon mehrfach geschehen, erklären als die Bezeichnung für Jemanden, der etwas Ausgezeichnetes, mehr als Andere, leistet, oder aber, was ich eher glauben möchte, kenn- zeichnet der Schreiber der Handschrift mit Meister die Bewohner der Städte, mögen diese nun adelig sein oder nicht, im Gegensatz zu den Rittern auf ihren Burgen. Daher haben wir denn einen Meister Gott- fried von Straßburg, Meister Walter von Breisach, Meister Heinrich Teschler von Zürich u. A. Die weitere Begründung dieser Ansicht behalte ich mir vor für einen späteren Artikel. Ich glaube somit, daß wir berechtigte Gründe haben, den Züricher Heinrich Teschler in der Folgezeit für einen Sänger aus edlem Blute zu halten.
Im 14. Jahrh. begegnen uns noch mehrere Personen des Namens Teschler in verschiedenen Städten, so ein Nikolaus Tescheler in Speier in den Jahren 1317 und 1320 (Hilgard, Urkdb. zur Geschichte der Stadt Speier m und Hf) , ferner Jacob Teschler in Neudorf 1330 (Kopp, Gesch. der eidgenössischen Bünde V^ 233), endlich Francisgk Täschler in München am 19. November 1392 (Wittmann, Monumenta Wittelsbacensia II, \-%\).
MÜNSTER i. W., Öctober 1887. FRITZ GRIMME,
RÄTSEL.
Nach Mittheilung von Alwin Schultz in Prag ist das Rätsel in meinen Beiträgen zur Quellenkunde S. 178, 10 nicht aufzulösen in viit, sondern in loip, und ohne Zweifel ist diese Auflösung die richtige.
K. BARTSCH.
58 F. GRIMME, ZU IWEIN v. 553 flf.
ZU IWEIN V. 553 ff.
Verschiedentlich ist schon im Allgemeinen darauf hingewiesen worden, daß in den höfischen Epen des Mittelalters Orientalisches sich finde, was auch als Folge der Kreuzzüge und bei den Bezie- hungen der Araber zu Frankreich nicht auffallen kann^, aber bis jetzt ist es doch nur erst in wenigen Fällen gelungen, die Quelle genau nachzuweisen. Nachdem nun in der letzteren Zeit der orientalischen Wissenschaft eine größere Aufmerksamkeit zugewandt ist, und stets neue Ausgaben der arabischen und persischen Schriftsteller erscheinen, wird sich auch wohl in Bälde der Schleier lüften, der noch in so mancher Beziehung die höfischen Epen umschließt. Als einen geringen Beitrag hierzu möge man die folgende Notiz aufnehmen.
Im Iwein v. 553 ff- wird uns über den wunderbaren Brunnen berichtet. Etwas ganz ähnliches findet sich in: Mohammedi Filii Chondschahi vulgo Mirchondi Historia Gasnevidarum persice ed. Fr. Wilken, Berlin 1832. Der Verfasser lebte zwar in späterer Zeit als Hartmann von Aue, er sagt jedoch selbst, daß er aus alten Quellen geschöpft. In dem Werke heißt es nun cap. III:
„In der Nähe des Ortes, bei welchem die Ungläubigen ihr Lager aufgeschlagen hatten, war eine Quelle so rein und klar wie die Sonne. So oft aber Schmutz in dieselbe geworfen wurde, entstand ein schreck- liches Getöse, laut wie Donner, es erhob sich ein Sturm, und grausige Kälte trat ein. Nasireddin ließ nun Schmutz in diese Quelle werfen; in Folge dessen entstand eine undurchdringliche Finsterniß, das Tages- licht verlöschte, und es trat eine so große Kälte ein, daß das Blut in den Adern erstarrte. Als dieses Erstaunliche sich ereignete, wagten die Inder nicht länger zu widerstehen, da sie furchtsam den sicheren Tod vor Augen sahen."
Nach Wilken ibid. p. 147 Anm. findet sich die Geschichte des Zauberbrunnens auch in dem Werke des Ferischthah.
MÜNSTER i. W. F. GRIMME.
K. J. SCHRÖEK, ERINNEKUNGEN AN K. BARTSCH. 59
ERINNERUNGEN AN KARL BARTSCH.
Nicht unerwartet kam die Nachricht vom Tode des lieben Freundes! Weit über ein Jahr bangten wir fort und fort für sein Leben und wiederholt war er auch früher schon dem Tode nah. Dennoch ist es ganz was anders, wenn so eine Befürchtung wahr wird. Nun erst fühlt man den ganzen Verlust, ergreift uns der Schmerz mit aller Macht und drängen sich die Erinnerungen heran! Im Innersten er- schüttert, kann ich gar nicht beschreiben, welche Empfindung mich ergriff, als vollends an demselben Tage, da die Todesnachricht ein- traf — es war den 21. Februar 1. J. — noch ein Päckchen ankam von ihm an mich, eine Sendung, wie ich sie so oft erhalten, wenn ihn die unerbittliche Krankheit niederwarf und er die dringendsten Arbeiten für die Germania mir übergeben mußte. Das war denn nun die letzte Sendung, ein letzter Grruß und Auftrag! —
Wir wollen aber nicht stehn bleiben bei dem traurigen Anblicke des Todten, wollen lieber seiner gedenken, wie er war in lebendiger Gegenwart und wollen uns fortgesetzt und bleibend seines Wesens freun und es so im Andenken bewahren.
Wenn man bei einem solchen Anlasse recht lebhaft das Miß- verhältniß empfindet, in dem der Lohn der Welt steht zu den Ver- diensten eines solchen Lebens und Strebens, da möchte man wol ausrufen: o versäumt den Augenblick nicht, der nicht wieder kommt und laßt jetzt die Liebe walten und jeden sein Scherflein beitragen zu seinem Gedächtniß! —
Schon haben bewährte Freunde sich die Aufgabe gestellt, eine Übersicht zu geben von seinem Leben und Wirken; zuerst Fr. Meyer von Waldeck für die Münchener Allgem. Ztg. ^), dann R. Bechstein, Fr. Neumann und G. Ehrismann für die Germania, so daß dieses Heft, dessen Ausgabe ich deshalb verzögerte, besonders durch die letztgenannten Beiträge wol ein Bild geben dürfte von dem Umfange der Verdienste des Verblichenen.
Mich, der ich nahezu drei Jahrzehnte lang mit ihm befreundet war, drängt es, das Bild des lebendigen Menschen, wie es mir vor der Seele steht, hervorzurufen und der Begegnungen mit ihm zu ge- denken, deren jede für mich eine angenehme Erinnerung zurückließ.
') Erschien bereits in der Beilage 1888, Nr. 71. 75. 80. 8H.
60 K. J. SCHEÖER
Wir waren durchaus nicht immer einerlei Meinung, aber das trübte uns keine Stunde. Er suchte immer entgegenstehende Ansichten zu würdigen, behielt davon so viel ihm taugte, und faßte nichts per- sönlich an.
Es war 1860, als wir als Mitglieder des Gelehrtenauschusses des germanischen Museums zu Nürnberg bei der Jahresversammlung daselbst uns zum ersten Mal begegneten und mit Franz Pfeiffer, Frommann, Joachim Meyer unvergeßliche Tage verlebten!
Bartsch war damals eine schlanke, elastische Jünglingsgestalt, mit edlen, markirten Gesichtszügen. Rasch genug nacheinander waren seine ersten Ausgaben altdeutscher Dichtungen, Karl der Große vom Stricker, die Erlösung, Berthold von Holle, mitteldeutsche Gedichte etc. gefolgt. Eine ungewöhnliche Begabung und Thatkraft hatte sich damit schon angekündigt. Dabei war er im Umgang heiter und von der anspruchlosesten Liebenswürdigkeit. So frei von allem Pathos, aller Pedanterie und Prätension, daß Pfeiffer und ich unsere Freude an ihm hatten und ihn herzlich lieb gewannen.
Näher trat er mir noch nach Pfeiffers Tode, 1868, als er nach Wien kam und ich mit ihm den Nachlaß Pfeiffers ordnete. Hier lernte ich die Geistesgewandtheit und das beispiellose Geschick Bartschs kennen, mit dem er in der Masse der aufgehäuften Schriften, Arbeiten, Abschriften etc. Pfeiffers sich auf das rascheste zurechtfand. — Seine Freude an der Arbeit, belebt durch die Leidenschaft zu entdecken, entdeckte Schätze des Alterthums der Vergessenheit zu entreißen, liehen ihm unermüdliche Schwungkraft. Die Arbeit flog ihm von der Hand.
Nur wer ihn bei der Arbeit gesehn, begreift die große Anzahl seiner Publicationen auf germanistischem und romanistischem Gebiete, die zum Theil auf schwerwiegenden Untersuchungen beruhten.
Von dieser Zeit begann ein reger Briefwechsel zwischen uns. Als er darauf 1870 in Paris mit der Abschrift der Troubadours be- schäftigt war, erschien er uns in ganz besonderm Lichte: als der Typus des deutschen Gelehrten, der, hoch über nationaler Befangen- heit stehend, die Schätze Frankreichs zu retten bestrebt ist, bevor sie durch die drohende Kriegsgefahr gefährdet sind! Den 10. Juli langte er in Paris an, wenige Tage vor der Kriegserklärung. Fünf Wochen hielt er aus und konnte „Dank sei es meinen Freunden, un- gestört arbeiten. Die Troubadours waren in dieser stürmischen Zeit mein Trost, und ich habe reiche Schätze mitgebracht. Aber ich ge- stehe, daß ich alle meine Energie aufbieten mußte, um die zur Arbeit
ERINNERUNGEN AN K. BARTSCH. 61
nöthige Ruhe zu behalten." So schrieb er mir nach seiner Heimkehr aus Rostock.
Im Mai 1872 trafen wir darauf zusammen bei der Philologen- versammlung in Leipzig, über die in der Germania desselben Jahres ausführlich berichtet wird. Schon vor mir in Leipzig angekommen, sorgte er für eine Wohnung für mich und war mit größter Liebens- würdigkeit um mich besorgt, da ich etwas leidend war. Ich hielt einen Vortrag, betheiligte mich auch etwas an einer Debatte. Er freute sich darüber, verhielt sich aber selbst ganz still, verkehrte mit allen Fachgenossen freundschaftlich heiter, ohne hervortretende Parteinahme nach einer oder der andern Seite hin.
Im Sommer 1873 weilte er bei mir in Wien ; wir sahen die Welt- ausstellung häufig zusammen. An den Abenden arbeitete er damals an der neuen Ausgabe des Koberstein.
Wenn bei der Gelegenheit dagegen, daß er so viel übernahm, Bedenken ausgesprochen wurden, besonders wenn bei seinen andern gleichzeitigen Arbeiten die Aufgabe, die er sich stellte, nicht zu be- wältigen schien, da gab er alle Einwendungen als berechtigt zu, und machte nur geltend seine Arbeitslust und die Erfahrung, daß ihm dergleichen doch schon so oft gelungen sei. Wir müssen gestehn, die rasche, zu rasche Arbeit ist in diesem Falle wol zu erkennen, aber wer sonst hätte sie übernommen und wäre in mäßiger Frist damit zu Stande gekommen? Willkommen war die neue Auflage doch!
Durch eine von der seinen abweichende Anschauung in wissen- schaftlichen Dingen war er , wie schon bemerkt, nie zu verstimmen. Dies äußerte er mir gegenüber oft, und oft konnte ich erfahren, daß er der Wahrheit unbefangen ihr Recht gab, wenn er sah, daß er sich geirrt. Aufs Wärmste dankbar war er für Berichtigungen von Versehn, die durch seinen leidenden Zustand, oft auch durch Entfernung von seiner Bibliothek leicht entstehn konnten. Dennoch blieben ihm bei aller Sachlichkeit, wie wir wissen, auch unerfreuliche Angriffe und Fehden nicht aus. — Sei es einmal gestattet, des geschichtlichen Gegensatzes hier zu gedenken, der die Germanisten in zwei Heerlager spaltete, Avodurch die sachliche Beurtheilung ihrer Verdienste so sehr beeinträchtigt ward! Er hinderte Jahrzehnte hindurch beide Theile gerecht zu sein. — Bekanntlich hatte sich mit Lachmanns Tode (1851) der Nibelungenstreit um die drei Handschriften erhoben, der zu einem allseitig befriedigenden Ergebniß nicht geführt, der uns aber vortreff- liche Ausgaben aller drei Handschriften eingetragen hat: Lachmanns, Zarnckes und Bartschs. — Wir wollen nicht vergessen, daß zu den
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aufgetauchten Bedenken gegen Lachmanns Nibelungen der erste Anstoß von Jacob Grimm ausgegangen und daß sein Einwurf, seine ganze Anschauung dabei tiefbegründet in seiner Natur lag. — Das Große in der Gestalt Jacob Grimms liegt in dem Blick, mit dem er in allen Erscheinungen den fruchtbaren Punkt findet, „von dem sich vieles ableiten läßt, oder vielmehr, der vieles freiwillig aus sich hervor- bringt und — entgegenträgt!" Ich wähle den Ausdruck Goethes mit Bedacht. So wie die Philosophen Fichte, Schelling und Hegel von Goethes Geiste befruchtet sind — daß sie ihn später wieder beein- flußten, darf uns nicht beirren — so waren es auch die Romantiker und war es auch J. Grimm, der noch völlig in den Zeiten des Idealismus wurzelt. Damals galt das hohe Wort: „Was fruchtbar ist allein ist wahr." Darin liegt, daß man in J. Grimm dichterische Begabung erkennen wollte, wie Goethe sie in Winckelmann fand. Einem solchen, auf Ideen ausgehenden Geiste mußte alles Mechanisiren der Methode bei Betrachtung von organisch Gewordenem widerstreben, und so denn auch die Annahme von Heptaden zur Bestimmung des Echten und Unechten im Nibelungenliede. Es mag sich nun mit den Heptaden wie immer verhalten, das ist klar, daß der Geist J. Grimms auf das geistige Band der Dinge gerichtet war, die andern auf die Theile in der Hand. Unendlich fruchtbar wirkte Grimm dadurch, daß er eine Fülle von Ideen enthüllte und weckte. Reich befruchtet von ihm ist die Forschung noch heute und nicht nur in Deutschland. Wie ein einsamer Riese ragt er weit über seine Zeit hinaus, wenn auch eine Menge von Einzelheiten seiner Forschungen, die man nun besser weiß, nicht mehr gelten. — Es soll hier nur hervorgehoben werden, daß der Gegensatz, der in diesen Fragen hervorgetreten ist, in nichts anderm zu suchen ist, als in dem Gegensatz der classischen Zeit des Idealismus zu der Folgezeit, die vieles Gute hervorgebracht, nur für Ideen kein Verständniß hat. Ich behaupte nicht, daß der gewaltige tiefgehnde Geist Grimms auf der einen oder auf der andern Seite einen Nachfolger fand. Mir galt es hier nur es auszusprechen, daß die Berechtigung, sich an seine Seite zu stellen, eine tief begründete war. Es folgten bekanntlich die Angriffe Holtzmanns, Zarnckes gegen Lachmanns Nibelungen; die Germania Pfeiffers erschien seit 1856 mit Beiträgen von J. Grimm, L, Uhland und stand nun gegenüber der Zeitschrift Haupts für deutsches Alterthum, die auf der Seite Lach- manns stand. In der Germania traten Pfeiffer und Bartsch mit den bekannten bedeutenden Besprechungen von des Minnesanges Frühling auf; Pfeiffers Vortrag über den Kürenberger als Verfasser der Nibe-
ERINNERUNGEN AN K. J. BARTSCH. 63
langen , Bartschs Untersuchungen über das Nibelungenlied folgten, und eine Fülle von Geist und Gelehrsamkeit offenbarte sich auf bei- den Seiten. — Wenn wir was wegwünschen möchten, so ist es das persönliche Moment, das diese Fehden oft auf das Unerfreulichste verbitterte. Bartsch besaß eine Gelassenheit, Sachlichkeit und Milde in solchen Fällen, die offenbar den Frieden anstrebte. Seine Unter- suchungen über das Nibelungenlied, seine Ausgabe von der Nibelunge not mit Lesarten und Wtb. sind von dauerndem Werth.
Im Jahre 1879 hatte ich mit ihm ein Zusammentreflfen in Jen- bach in Tirol verabredet, wo wir einen glücklichen Monat zusammen verlebten. Gemeinsame Ausflüge in der Umgegend, wie im Zillerthal, ein anrauthiges Zusammentreffen mit Defregger am Achensee, Besuche von Aufführungen tirolischer Volksbühnen, über die wir in Blättern berichteten und die Veranstaltung selbst eines Goethefestes den 28. Au- gust in Jenbach, waren uns Beiden unvergeßliche Erinnerungen. Ich arbeitete damals an meinem Faustcommentar, der Bartsch sehr interessirte. Bezeichnend für seinen bewährten Formensinn ist eine Arbeit, die daraus hervorging. Die Erscheinung des Alexandriners in Goethes Faust, der mit Hans Sachsischen Versen wechselt, die ich wiederholt zur Sprache brachte, veranlaßte ihn zu dem Aufsatze im Goethejahrbuch 1 (1880): Goethe und der Alexandriner.
1882 hatte ich noch das Glück bei ihm in Heidelberg, in seiner liebenswürdigen Familie glückliche Tage zu verleben. Seine liebe Frau, seine trefflichen Kinder bildeten einen Kreis, der ihn wol be- glücken konnte !
Ich habe noch nicht seiner Dichtungen gedacht, seiner an- muthigen lyrischen Gedichte, seiner lebensvollen Novellen, verdienst- vollen Übersetzungen. Sie kamen in diesem Kreise zur Sprache und man sah, welches Interesse dafür lebendig war. Gewiß stand auch seinen textkritischen Arbeiten die nachschaffende Gabe des Dichters zur Seite. — Was mir aber hier besonders lebhaft vor Augen trat, das war die anspruchlose Genügsamkeit und Schlichtheit des doch so hoch angesehnen Mannes. — Heidelberg ist keine große Stadt, sie kennt aber bei dem Andrang von Fremden, allen Luxus großer Städte. Bartsch blieb davon unberührt: in der Hinsicht der richtige deutsche Gelehrte! — Bei alledem durchaus nicht pedantisch und regen Antheil nehmend an Musik und Theater; anregend, geistesfrisch in Gesellschaft. Niemand begriff, wie er zu allem Zeit fand! — Wie freute ich mich der Stunden in seiner lieben Familie, seiner Begleitung nach dem Schlosse von Heidelberg, wo wir Goethes und des Urbildes der Suleika
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gedachten. — Mit welcher Freude und Rührung muß ich nun zurück- blicken auf alle die persönlichen Begegnungen, aber ebenso auf die große Zahl seiner Briefe, in denen er mich fortwährend im Laufenden erhielt in seiner großen vielseitigen Thätigkeit und an meinen Arbeiten immer regen Antheil zeigte. — Seit jener Zeit hat ihn wiederholt die Krankheit überwältigt. Die zahlreichen Briefe blieben aus; Karten traten an die Stelle, besonders in der letzten Zeit. Sein letzter Brief, dem nur mehr Zettel gefolgt sind, war vom 5. November 1887. Da sehrieb er: er wolle sich wieder der Germania annehmen. Und am Schluß: „Mit mir geht es langsam vorwärts, jeden Tag darf ich 1 St. arbeiten. Sei herzl. gegrüßt von Deinem K. B." — —
Als ich jenes letzte Päckchen aufmachte, war das erste Blatt, das mir in die Hände fiel, eine Besprechung der 6. Auflage von Zarnckes Nibelungenausgabe: „Mit wahrer Freude begrüße ich diese Auflage." So beginnt die Besprechung.
Er findet, hocherfreut, eine Annäherung zwischen Zarnckes und seinen Anschauungen und bespricht die noch bestehnden DifFerenz- punkte: „Alle sind der Art, daß sie einen principiellen Gegensatz nicht enthalten, und so hofi'e ich, daß wir uns allmälig noch etwas mehr nähern werden!" — —
So, mit wissenschaftlichen Fragen beschäftigt bis zuletzt, verließ er uns, hoffend, hoffend! — Es ist ein schöner Lebensschluß ein solches Hoffen. Ja, lieber Freund, hoffen wollen wir, daß alle Guten sich noch einmal nähern werden!
Die nächste Pflicht, die ich nun vor mir sah, war die Sorge um
die Germania. Daß erstens das erste Heft dieses Jahres, das unter
Bartschs Namen das letzte sein sollte, durch Beiträge der genannten
Freunde seinem Andenken gewidmet und zweitens sogleich auch schon
ein neuer Herausgeber genannt werden könne. Meiner Überzeugung
nach mußte eine bewährte und zugleich junge Kraft gefunden werden
und ich freue mich, daß es gelungen ist, eine solche an Professor
Dr. 0. Behaghel zu gewinnen. Wir dürfen überzeugt sein, daß der
Geschiedene selbst, wenn er gefragt werden könnte, über diese Wahl
hocherfreut wäre!
K. J. SCHKÖEK.
R. BECHSTEIN, KARL BARTSCH. 65
KARL BARTSCH
t 19. Februar 1888.
Mit trauerndem Herzen gedenken wir des schmerzlichen allzu- frühen Heimgangs des Herausgebers dieser Zeitschrift, deren Leitung er nach dem Tode des Begründers in dem Bewußtsein einer theuern und unabweisbaren Pflicht übernommen und fast zwanzig Jahre mit sicherer Hand durchgeführt hat. Noch das letzte Heft des vorigen Jahrgangs 1887 brachte einen Beitrag von ihm, dem bereits schwer Erkrankten. Und wie wunderbar! Es waren Bruchstücke aus Strickers Karl, von denen er Textproben und Lesarten zu seiner eigenen Aus- gabe darbot, also zu seinem ersten größeren Werke, mit welchem er sich auf dem Gebiete der deutschen Philologie so glänzend eingeführt hatte! So reichten sich Anfang und Ende die Hand.
Wie Franz Pfeiffer, der unvergeßliche Begründer der Ger- mania, so ist auch Karl Bartsch in bestem Mannesalter dahingerafft worden. Pfeiffer brachte es nur etwas über 53 Jahre, Bartsch starb kurz vor der Vollendung seines 56. Jahres. Auch darin glichen sich die beiden Freunde, daß jeder von ihnen aus der Bibliothekarlaufbahn zum akademischen Amt berufen wurde, ohne vorher die Staffeln des Privatdocententhums und des Extraordinariats durchgemacht zu haben. Sonst war ihr Lebensgang verschieden. Pfeiffer entwickelte sich lang- sam, gelangte erst verhältnißmäßig spät zu einer gefesteten Lebens- stellung und zur Gründung eines eigenen Herdes; Bartsch dagegen ist mit 17 Jahren bereits Student, mit 20 Jahren Doctor, erhält mit 23 Jahren eine Stelle, wenn auch keine völlig befriedigende, wird mit 25 Jahren ordentlicher Professor. Bald nachher tritt er in den Ehe- stand. Aber in einem sind sie wieder gleich: in ihrer unermüdlichen Schaffenslust und bewunderungswürdigen Fruchtbarkeit, in ihrem an- regenden und zum Theil bahnbrechenden Wirken.
Bartsch widmete dem geschiedenen älteren Freunde in der Ger- mania einen kurzen Nachruft) , keinen eigentlichen Nekrolog. Er mochte sich wohl ein ausgeführteres Lebensbild im Stillen vorbehalten haben. Ein solches schenkte er uns auch später in dem nachgelas- senen, von J. M. Wagner herausgegebenen Werke Pfeiffers, in dem „Briefwechsel zwischen Joseph Freiherrn von Laßberg und Ludwig
») Germania 13 (1868), S. 260 %.
ORRMANIA. Neue Reihe XXI. (XXXIII.) .Tahrg.
66 R- BECHSTEIN
Uhland" (Wien 1870). In seinem Nachrufe richtet Bartsch die Bitte an alle Freunde, der Germania, die Pfeiffer wohl wie keine andere seiner Unternehmungen beschäftigt habe, ihre Unterstützung zuwenden zu wollen, und knüpft daran die zuversichtliche Hoffnung, daß die Germania noch Jahre lang fort erscheinen werde. Diese Hoffnung ist zum Glück in Erfüllung gegangen. Dürfen wir jetzt, wo der that- kräftige Leiter, der immer auch der beste und fleißigste Mitarbeiter war, uns genommen ist, gleiche Zuversicht hegen? Mit der vermehrten Zahl der Theilnehmenden ist auch die Zahl der wissenschaftlichen Organe gewachsen. Sind es ihrer aber nicht bereits zu viel? Wird dadurch der einzelnen Zeitschrift nicht Kraft entzogen? Zeigt sich neuerdings anstatt des frühern Andrangs und Überflusses nicht schon eine gewisse Ermüdung und ein Nachlassen in der Bereitwilligkeit der Mitarbeiterschaft? Mitunter will es mich so bedünken. Betrachte ich aber die allerdings nicht große Zahl der noch lebenden älteren Gelehrten, welche der Germania treu geblieben sind') und dazu die nicht unansehnliche Schaar der Jüngern Mitarbeiter, so ist mirs nicht bange um die Zukunft der Germania. Was uns aber besonders mit Trost und Hoffnung erfüllt, ist die Gewißheit, daß der hervorragendste Schüler von Bartsch auf dem germanistischen Gebiete, sein Lieblings- schüler Otto Behaghel sich entschlossen hat, den verlassenen Platz am Steuer einzunehmen.
Wie Bartsch dem geschiedenen Pfeiffer in der Germania einen Nachruf widmete, so würde Behaghel jetzt die gleiche Pflicht zufallen, und er würde ihr genügen, wenn ich nicht im Voraus die Absicht gehabt hätte, das Andenken des entschlafenen Freundes zu feiern. Wenn ich aber dieses Vorrecht in Anspruch nehme, so geschieht es nicht allein, weil ich der ältere bin und seit bereits dreißig Jahren an der Germania mitarbeite, sondern auch weil ich das Glück gehabt habe, von Bartsch zu seinem Nachfolger in Rostock erkoren worden
*) Von den Mitarbeitern der Germania sind nach Pfeiffers Tode folgende aus dem Leben geschieden: Ferd. Deycks, Lorenz Diefenbach, Franz Dietrich, Anton Edzardi, Ludwig Ettmüller, Joseph Fasching, Karl Frommann, Karl Goedeke, Benedict Greiff, Joseph Haupt, Karl Hildebrand, Albert Hoefer, Heinrich Hoffmanii von Fallers- leben, Karl Hopf, Adelbert von Keller, Arthur Köhler, G. L. Kriegk, Hermann Kurz, August Lübben, Adolph Lütolf, Hans Ferd. Maßmann, Hermann Palm, Heinricii Rückert, Theophil Rupp, Karl Schiller, Franz Ötarck, Joseph Maria Wagner, Emil Weller, August Witzschel, Adolph Wolf. Dazu kommen noch diejenigen, welche vor dem Eintritt Bartschens in die Leitung der Germania sich früher als Mitarbeiter be- theiligt haben, nämlich: Theodor Benfey, Jacob Grimm, Adolph Holtzmann, Rudolf von Räumer, Franz Roth, Ludwig Uhland, Wilhelm Wackernagel.
KARL BARTSCH 67
zu sein. Zweimal habe ich schon über Bartsch und seine Wirksamkeit gehandelt, was freilich den Wenigsten der Fachgenossen bekannt ge- worden ist. Beidemal aus erfreulichem Anlaß , beidemal in der Ro- stocker Zeitung. Zuerst bei Gelegenheit seines fünfundzwanzigjährigen Doctorjubiläums am 12. März 1878 (Nr. 61, 64 vom 12. und 17. März mit Nachtrag über die Feier, Nr. 80 vom 5. April), sodann zum Ge- dächtniß seines Amtsjubiläums am 8. Mai 1883 (Nr. 104), mit wel- chem sich zugleich die Erinnerung an die durch ihn angeregte Grün- dung des deutsch-philologischen Seminars, des ersten seiner Art in Deutschland verband, welche bald nach seinem Antritt der Professur, am 11. Juni 1858 erfolgte. In beiden Aufsätzen hielt ich bei der Schil- derung von Bartschens Leben und Wirksamkeit einen chronologischen Gang ein. Ich möchte nun nicht in gleicher Weise verfahren, wenn ich hier in der Germania zum Gedächtniß des geschiedenen Freundes das Wort ergreife. Ein eigentliches Lebensbild könnte ich auch nicht geben, weil ich dazu erst Material hätte sammeln müssen, ich brauche es aber auch nicht zu geben, nachdem der Heidelberger Freund und Fachgenosse Friedrich Meyer von Waldeck jetzt in der Allgemeinen Zeitung (Beilage Nr. 71. 75. 80. 83 vom IL, 15., 20. und 23. März d. J.) einen so trefflichen, ausführlichen, liebevollen und warm empfundenen Nekrolog dargeboten hat^), den gewiß alle Freunde mit wehmtithiger Freude gelesen haben werden. In diesem Nekrolog ist in die Schilde- rung eine so große Menge persönlicher Züge verwebt, die selbst man- chem Nahestehenden bisher unbekannt geblieben sein mögen, daß ich aus dem Leben nur das zu berühren brauche, was zum Verständniß der Wirksamkeit nöthig scheint. Mir ist es vornehmlich um eine Charakteristik des Gelehrten und des Schriftstellers zu thun. Meine Quellen sind lediglich seine Werke. Bartsch war aber auch akademischer Lehrer, deshalb wird auch auf diese Seite seines Wirkens wenigstens einigermaßen Bedacht zu nehmen sein. Nicht um einen Preis seiner Verdienste soll es sich handeln, ich will vielmehr versuchen, in meiner Charakteristik die Stellung zu zeichnen, welche Bartsch in unserer Wissenschaft einnimmt, und veelche Auf- gaben er zu weiterem Ausbau hinterließ. Daß ich mich hier auf die Arbeiten beschränke, die Bartsch auf dem deutschen Gebiete geliefert hat, brauche ich nicht zu rechtfertigen, zumal Bartschens anderer Lieblingsschüler, Fritz Neumann, die speciell romanistischen Werke
*) Auch in einem besondern Abdruck erschienen , der mir kurz vor Abschluß dieser Abhandlung durch Frau Geheimrath Bartsch freundlichst zugesandt wurde.
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ZU behandeln gedenkt. Dagegen muß ich diejenigen Veröffentlichungen, welche beiden Wissensgebieten gemeinsam angehören, in den Kreis meiner Betrachtung ziehen.
Die ungemeine Fruchtbarkeit Bartschens habe ich schon kurz angedeutet. Diese Fruchtbarkeit, welche auch die von Pfeiffer weit übertraf, erscheint wie ein psychologisches Räthsel. Wie ist es nur möglich, daß ein Mann, der sich nicht der kräftigsten Constitution erfreut, der sogar öfters gezwungen ist, wegen seines leidenden Zu- standes völlig und auf längere Zeit auszuspannen , dessen Amts- geschäfte auch einen Theil der Zeit in Anspruch nehmen, der bei allem Fleiße doch auch der Geselligkeit sich nicht ganz entzieht, es dennoch zu Wege bringt, Jahr um Jahr umfangreiche Werke und daneben eine beträchtliche Reihe kleinerer Arbeiten erscheinen zu lassen? Seine selbständig, unter seinem Namen veröffentlichten Werke würden einen Schrank füllen, seine großen und kleinen Auf- sätze würden vereint eine ganze Zahl von Bänden ausmachen. Diese überaus reiche Thätigkeit erscheint aber um so wunderbarer, als die Schöpfungen nicht immer in fortlaufender Rede geschrieben sind, sondern eine Fülle von Beispielen, Citaten, Zahlen, Verweisungen u. dgl. enthalten, die alle bekanntlich höchst mühselig sind, selbst wenn sie in vorbereiteten Aufzeichnungen zur Verfügung stehen, und diese Aufzeichnungen mußten doch auch erst gemacht werden. Dabei sind Bartschens Bücher in * seltener Weise coi-rect, Druckfehler be- gegnen so gut wie gar nicht. Diese ungemeine Rührigkeit und Gewandtheit ist aber nur die äußere Hülle; der innere Kern von Bartschens staunenswerther Production ist doch zu finden in seiner ausgebreiteten Belesenheit, in seinem tiefen und sichern Wissen, in seinem weitgehenden Interesse, in seiner innigen Liebe zu seinem Fache. Die Arbeit war ihm Bedürfniß, war ihm Leben.
Wie seine Fruchtbarkeit, so ist auch seine Vielseitigkeit bewun- derungswürdig. Zwar hat er sich im Großen und Ganzen vorzugsweise der altern Zeit zugewandt, aber auch die neue Periode fesselte ihn zu öftern Malen. Literatur, Sprache, dichterische Form, Textkritik: alle diese Gattungen der Philologie lagen ihm am Herzen und daneben auch die philologischen Hilfswissenschaften der Bücherkunde und der Paläographie. Aber auch die Alterthumskunde, die Culturgeschiclite nahmen ihn bisweilen gefangen. Dabei war er auch schaffender Dichter und Übersetzer. Was ihn aber besonders auszeichnet, wodurch er sich von Andern unterscheidet und eine eigenartige Stellung in der Ge- schichte der philologischen Wissenschaft für alle Zeiten behaupten
KARL BARTSCH. 69
wird, ist die seltene und immer seltener werdende Vereinigung der germanischen und romanischen Philologie. Bei dieser Er- scheinung muß ich etwas verweilen.
Sein Universitätsstudium begann bekanntlich mit der classischen Philologie. Wir wissen auch, daß es Weinhold war, der ihn in Breslau für die Germanistik erwärmte. Aber wir haben keinen Anhalt, wenn wir fragen, wer ihn wohl in Breslau der Romanistik zugeführt habe. In Berlin hörte er später bei Steinthal Provenzalisch, aber er hatte schon vorher sich mit Spanisch und Italienisch beschäftigt. Somit hat er wahrscheinlich ohne die Anregung eines Lehrers aus eigenem An- trieb ein Gebiet betreten, auf dem er später eine so fruchtbare und erfolgreiche Thätigkeit entfaltete. Wenn Bartsch vielleicht auf deut- schem Gebiet noch mehr als auf romanischem geschaflPen hat, so zählt er doch zu den ersten Romanisten. In unserer Zeit, in der sich die Disciplinen immer mehr sondern und specialisiren, ist es immer etwas Großes, wenn ein einzelner Gelehrter auf verschiedenen Wissens- gebieten heimisch wird und heimisch bleibt. In Zukunft wird solche Verbindung wenigstens im akademischen Lehramte verschwinden. Wenn Lachmann und Haupt die classische Philologie und zugleich die deutsche vertraten, so suchen wir heute vergeblich eine Uni- versität, die ein solches Verhältniß bewahrt hätte. Die Verbindung zwischen allgemeiner Sprachwissenschaft (mit Einschluß des Sanskrit) und der Germanistik, wie wir sie z. B. bei Schleicher und Holtzmann fanden, besteht vereinzelt heute noch (Leo Meyer, Osthoff u. A.), auch germanische und romanische Philologie haben vor und neben Bartsch auch Andere vereinigt, wie namentlich Diez, Uhland, Adelbert V. Keller, Konrad Hofmann, Holland, Martin, Kölbing, aber diese Ge- lehrten neigten oder neigen, mit Ausnahme vielleicht von Konrad Hof- mann, doch immer mehr zu dem einen oder zu dem andern Fache, sind vorwiegend Germanisten oder vorwiegend Romanisten. Bartsch dagegen ist das eine so gut wie das andere. Wäre er nur Heraus- geber gewesen, so würden beide von ihm vertretenen Disciplinen vielleicht getrennt behandelt worden sein und hätten ihre Vereinigung nur in seiner Person gefunden. Aber so ist es nicht. Das gerade ist das Bezeichnende und zugleich das Verdienstliche seines Wirkens, daß er die Zusammengehörigkeit der germanischen und der romanischen Philologie, welche in dem beiderseitigen Einfluß der Sprache und der Literatur wurzelt, fort und fort zum Ausdruck brachte, wie es vor ihm in gleich umfassender und eindringender Weise nicht geschehen ist und wie es voraussichtlich auch schwerlich
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mehr geschehen wird, weil die jetzt aufstrebende Generation eine Beherrschung beider Gebiete nachgerade nicht mehr erreichen kann. Wenn diese Seite von Bartschens Streben durch einige Beispiele er- läutert werden soll, so möchte ich zunächst auf seine erste größere literarisch-kritische Abhandlung, auf sein Buch „Über Karlmeinet'' (1861) hinweisen, in welchem bei Betrachtung der jüngeren Bearbei- tungen des altdeutschen Rolandsliedes auch auf die altfranzösische Chanson de Roland sowie auf die jüngeren Rolandslieder Bedacht genommen wird, woran sich auch ein Aufsatz in der Germania schließt (6, 28). In seiner Ausgabe des Rolandsliedes (1874) mußte natur- gemäß in der Einleitung das Verhältniß des deutschen Dichters zu seinem französischen Vorbild berührt werden; in den Anmerkungen gibt der Herausgeber vielfach Stellen aus dem französischen Gedichte zum Verstäudniß des deutschen Textes oder zur Charakteristik der Übereinstimmungen oder Abweichungen. Ebenso wird die ausgebildetere Kunstepik der Glanzperiode mit Beziehung auf die aus Frankreich stammenden Anregungen von Bartsch betrachtet. So weist er u. A. nach, daß Hartmann in seinem Erec eine etwas andere Version als die uns bekannte von Christians Gedicht benutzt haben muß (Germ. 7, 141). Auch auf den Zusammenhang zwischen der provenzalischen und der deutschen Liederkunst erstrecken sich seine Studien, wovon zwei Jugendarbeiten, die Abhandlung über den Grafen Rudolf von Neuenburg (Haupts Zeitschrift 11, 1859, 145, aber schon in Nürn- berg geschrieben) und ein kürzerer Aufsatz über die Nachahmung provenzalischer Poesie im Deutschen (Germ. 1, 1856, 480) die ersten Zeugnisse geben. In diesen Kreis fällt auch die schöne Abhandlung über die romanischen und deutschen Tagelieder (1864, Ges. Vortr. u. Aufs. 250). Mit sichtlicher Vorliebe besprach Bartsch auch solche Werke, in denen dieser Zusammenhang zwischen romanischer und deutscher Poesie zu Tage trat oder zu Tage hätte treten sollen. Hierfür mag nur auf einige Recensionen in der Germania aufmerksam gemacht sein. So nenne ich die Besprechung der Ausgabe von Wace's Marien- leben und Leben des heiligen Georg (Germ. 4, 501), von Gaston Paris' histoire poetique de Charlemagne (11, 224), von Lippolds Dissertation über die Quellen des Gregorius Hartmanns von Aue (17, 106), von Birch-Hirschfelds Sage vom Gral (23, 247), von Gau- tiers Les Epopees fran9aises (23, 365, Nachtrag zu einer Recension Liebrechts). Auch auf das sprachliche Gebiet dehnte B. seine Ver- gleichungen aus, wie sich namentlich in seinem auf der Rostocker Philologenversammlung 1875 gehaltenen Vortrag „Vom deutschen Geist
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in den romanischen Sprachen" in glänzender Weise bekundet. — Der Verbindung der beiden Literaturen verdanken wir auch die Gründung des Literaturblattes für germanische und romanische Philologie, welches ohne Zweifel von Bartsch angeregt und unter seiner Mitwirkung von seinen Schülern Behaghel und Neumann ge- leitet wurde. Dieses neue Organ hat sich bald einen Platz erobert, und sein Bestand scheint gesichert. Den Wunsch, den die Heraus- geber in ihrem Vorworte (Januar 1880) aussprachen, daß ein enger Zusammenhalt zwischen den beiden Disciplinen bestehen bleiben möge, soll hier mit unmittelbarer Beziehung auf Bartschens Wirksamkeit wiederholt sein. Wenn bei der Ausdehnung der beiden Gebiete es den Jüngern Gelehrten nicht mehr möglich ist, es Bartsch gleich zu thun, so mögen doch besonders die Germanisten, die des Romanischen mehr bedürfen als umgekehrt die Romanisten des Deutschen, sich immer seines Vorbildes erinnern und , so viel an ihnen ist, auch dem Romanischen ihr Studium weihen zu Gunsten der wissenschaftlichen Erkenntniß der deutschen Sprache und Literatur.
Wenden wir uns nun, nachdem wir die besonders charakteri- stische Seite in Bartschens Erscheinung hervorgehoben haben, den einzelnen Fächern zu, für die er auf deutschem Gebiete thätig war, so führt uns gleich seine allererste Arbeit, die wir freilich nur in ihrem Titel kennen, zu der Metrik hin, für welche Bartsch nicht allein eine besondere Vorliebe besaß, sondern welche er nach Lach- mann wie kein Anderer gefördert hat. Gegenwärtig sind metrische Studien in Blüthe, aber erst in allerjüngster Zeit; als Bartsch auf- trat, war er fast der einzige, der sich für Metrik in höherem Maße interessirte, sie erforschte und bearbeitete. Dann fanden sich zwar auch einige andere Gelehrte neben ihm zu gleichem Streben ein, aber wie wenige waren es doch im Verhältniß zu der schwierigen und umfassenden Aufgabe! Wenn wir von Bartsch sagen sollen, was er bei seiner ungemeinen Vielseitigkeit eigentlich und vorzugsweise war, so können wir nicht umhin, ihn als Metriker zu bezeichnen. Er war es mehr als Andere, er gründete auch auf die Metrik seine Text- kritik, praktisch und theoretisch, als Herausgeber und als Kritiker. Im Anfang war er den Lehren Lachmanns durchaus zugethan, er wirkte für sie, baute sie aus; mit der Zeit brachte er auch eigene, von Lachmann unbeachtet gebliebene Wahrnehmungen und Regeln, später stellte er auch im Gegensatz und Widerstreit zu Lacbmann neue Gesetze auf. Dies kann hier nur angedeutet werden, eine Aus- führung würde viel zu weit führen; nur auf Einzelnes sei besonders
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hingewiesen. — Jene erste Arbeit ist die Dissertation De Otfridi arte metrica vom Jahre 1853, mit welcher er in Halle den soge- nannten kleinen Doctor machte'). Es ist zu bedauern, daß sie nicht veröflfentlicht wurde. Sie wird wahrscheinlich eine Weiterführung der Lehren Lachmanns dargeboten haben. Nach dieser Erstlingsarbeit fesselten Bartsch längere Zeit provenzalische Studien, aber bereits im Jahre 1856 tritt er wieder mit einer metrischen Abhandlung hervor: es ist der erste Beitrag, den er der neu gegründeten Germania spendete. Bartsch betrachtete die metrischen Regeln des Heinrich Hesler und des Nicolaus von Jeroschin (Germ. 1, 192) und suchte sie zu deuten und mit den uns bekannten Gesetzen der mittelhochdeutschen Metrik in Einklang zu setzen. Das folgende Jahr brachte die noch wichtigere Abhandlung über den Strophenbau in der mhd. Lyrik, in welcher er auch bisweilen auf die provenzalische Poesie Rücksicht nimmt. Hier wird auch bereits zwischen jambischen und trochäischen Versen unterschieden, doch ist nicht recht ersichtlich, wie sich Bartsch die Entwickelung des Rhythmus vorstellt. Bedeutungsvoller aber ist die gesetzmäßige Bestimmung des Innern Reims, der von W. Grimm in seiner Geschichte des Reims nur kurz behandelt wird. Bartsch hat sich schon damals seine Ansichten über diese Reimgattung ge- bildet und bringt dann diese auch verschiedentlich in mehreren Recen- sionen, wie namentlich in der über des Minnesangs Frühling, zur Gel- tung (Germ. 3, 1858, 481). Es hat aber eigentlich lange gedauert, ehe er den innern Reim monographisch behandelte, es geschah erst im 12. Jahrgang (1867, 129) der Germania mit Anknüpfung an die bekannte Äußerung Lachmanns in den Anmerkungen zu Walther (98, 40). Er selbst hatte schon vorher (1864) seine Theorien in der Sammlung der deutschen Liederdichter praktisch verwerthet. Was Bartsch gegen die Herausgeber von des Minnesangs Frühling in dieser Hinsicht vorbrachte, ist von Haupt in dessen Entgegnung (Zeitschrift 11, 563 f^.) zumeist gutgeheißen worden, freilich mit, ich möchte sagen, sauersüßer Miene, nicht freudig und rückhaltlos zustimmend.
') Am 11., beziehentlich am 12. März 1853, wurde Bartsch unter Eiselen's Rectorat von der philosophischen Facultät in Halle durch den Decan H. C. Meier promovirt. Heinrich Leo war Referent. Er nannte die Dissertation „eine Arbeit, die nicht bloß von wohlrecipirter, sondern von selbständiger Gelehrsamkeit und durch- gebildetem Urtheil zeugt." Ebenso Hervorragendes leistete Bartsch im Examen, In der Matrikel heißt es: ^^osir^Mam commentationem doctam et acutam de veteris theo- discae lingxiae praesertim Otfridi arte metrica exhibnit et coram in ordinis conceasu evamen cum omnino cum laude tum in litteris germanicis summa cum laude austinuit.
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Inwieweit andere Herausgeber lyrischer Gedichte sich praktisch an Bartschens Lehre angeschlossen haben, ist von mir bis jetzt leider noch nicht beachtet und nachgeprüft worden '). Eine theoretische Kritik dieser Lehre steht auch noch aus, und der, dem eine solche nahe gelegen hätte und der dazu verpflichtet gewesen wäre, hat sie nicht unternommen ''). — Verfolgen wir die metrischen Arbeiten Bartschens im Anschluß an den Aufsatz über den mhd. Strophenbau chronologisch weiter, so bietet sich uns in der Einleitung zur Ausgabe des Stricker'schen Karl (1857) eine sehr ausführliche Darstellung der Metrik dar. Hier werden ganz nach Lachmann'scher Weise auch die Versausgänge verzeichnet, und es werden Regeln aufgestellt, was er- laubt und was nicht erlaubt sei. In den folgenden Ausgaben des Ber- thold von Holle (1858), der Erlösung (1858) und des Albrecht von Halberstadt (1861) wird das Metrische in den Einleitungen viel kürzer behandelt, dafür sind in den Anmerkungen eine ganze Reihe metri- scher Beobachtungen niedergelegt. Auch in der Ausgabe der Meister- lieder der Colmarer Handschrift (1862) ist dem Metrischen eine be- sondere Sorgfalt zugewandt worden. Und so enthalten auch die fol- genden Ausgaben mehr oder weniger metrische Bemerkungen. — Auch zwei selbständig erschienene Monographien hat Bartsch verfaßt: in der ersten (1867) behandelt er als Beitrag zur vergleichenden Metrik den saturnischen Vers und die altdeutsche Langzeile und findet in beiden im Verein mit der Grundform des griechischen Verses und der indischen Sloka die ursprüngliche allgemeine epische Form der indogermanischen Poesie; die zweite (1868) beschäftigt sich mit einer metrischen Erscheinung der mittelalterlichen Latinität, mit den
') Ich selbst konnte nicht iiiimei- zustimmen in meiner Herstellung der Lieder im Frauendienst. Es scheint mir die Annahme und Schaffung eines Binnenreims be- denklich, sobald dadurch der Endreim verloren geht und die Reimzeile zum Waisen lierabgedrückt wird. Nur unter bestimmten Bedingungen kann dies nach meiner Auf- fassung geschehen. Es hätte die Anmerkungen zu breit gemacht, wenn auchj diese Verhältnisse im Einzelnen besprochen worden wären. Ich behalte mir es aber vor.
') Richard M. Meyer citirt in seiner Schrift „Grundlagen des mhd. Strophen- baus" (Straßburg 1886, Q. u. F, 58) die oben angeführte Bemerkung Lachmanns zu Walther mit dem Zusatz , daß dieser Forderung auch heute noch kein Genüge ge- schehen sei. Somit hat er Bartschens Aufsatz im 12. Jahrgang gar nicht gekannt; er berücksichtigt nur den frühern Aufsatz im 2. Jahrgang und die Textherstellungeii in den Liederdichtern. Was Meyer über den Binnenreim sagt, ist nicht viel, ist auch unbestimmt und subjectiv. Warum hat er denn nicht Lachmanns Anregung benutzt und ihr Genüge gethan? Wenn er einmal über den Strophenbau handeln wollte, so mußte der Binnenreim, der für den Bau der Strophe so wichtig ist, in seinem Wesen auch bestimmt und in seinen einzelnen Arten vorgeführt werden.
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Sequenzen in musikalischer und rhythmischer Beziehung. Die Sequenzen sind bekanntlich von großem Einfluß auf die Entwickelung der deut- schen Leiche und der romanischen lyrischen Lais gewesen. Auch in dieser Abhandlung wird vielfach auf den Binnenreim Bedacht ge- nommen. Wie hier Bartsch die lateinischen und mittellateinischen Verse und Strophenformen untersucht, so ist auch in einer Recension die mittellateinische Verskunst von ihm gewürdigt worden, in der scharfen Recension über seines Freundes Barack Ausgabe der Werke der Hrotsvitha (Germ. 3, 1858, 375), die eine Menge von Barack nicht berührter Eigenthümlichkeiten, namentlich solche, die den Reim be- treffen, zusammenträgt. — In gleicher Weise ist die Metrik fast in allen gleichzeitigen und folgenden Recensionen der Mittelpunkt der Erörterung. Die Recension über des Minnesangs Frühling ist schon genannt. Nur auf die über Hopfs Hans Sachs (Germ. 3, 381) mag noch besonders aufmerksam gemacht sein, weil sie darthut, daß sich Bartsch auch über die Metrik der Jüngern Periode der Silbenzählung schon in jungen Jahren genau und sicher unterrichtet hat. — Schon hier will ich im Voraus andeuten, daß Bartschens Hauptwerk, seine Untersuchungen über das Nibelungenlied, im Wesentlichen auf die Metrik gegründet ist. Hier sind auch verschiedene wichtige Einzel- heiten, namentlich Gesetze der Betonung, vorgebracht und festgestellt, die theils Zustimmung, theils Widerspruch gefunden haben.
Ein so weitgehendes Interesse wie für die Metrik hat Bartsch für die Grammatik allerdings nicht gehegt, und doch ist er auch auf diesem Gebiete erfolgreich thätig gewesen. Für die deutsche Gram- matik rührt zwar von ihm keine Aufstellung eines neuen Gesetzes her, wie für die romanische (s. Germ. 8, 1863, 363), aber er sam- melt Stoff, baut das, was Andere vor ihm schufen, weiter aus und versteht es höchst geschickt und sinnig, Metrik und Grammatik in Wechselwirkung zu setzen. Gerade als er seine Schwingen regte, war Franz Pfeiffer mit seiner Behauptung des mitteldeutschen Dialektes siegreich hervorgetreten. Bartsch schloß sich ihm an, nicht allein in der speciellen Billigung des mitteldeutschen Lautsysteuis, sondern überhaupt in der Werthschätzuug des Mundartlichen. In seinem Stricker'schen Karl bot sich ihm nicht viel Gelegenheit zu sprachlichen Auseinandersetzungen, weil der Dichter so gut wie gar keine mund- artlichen Besonderheiten aufweist, dagegen gibt Bartsch in seinem Bert- hold von Holle offenbar nach dem Muster von Pfeiffers grammatischen Erörterungen eine genaue Darstellung der Laute und Flexionen in Bertholds Sprache. Hier fand er einerseits mitteldeutschen Dialekt,
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andererseits Anschluß an die hochdeutsche Dichtersprache. Das war be- stimmend für seine Auffassung, an der er immer festgehalten hat, daß das Mittelalter zwar keine Schriftsprache in modernem Sinne, sondern nur Schriftdialekte besessen hat, daß aber zugleich auch die Dichter sich öfters gegen ihre heimische Mundart eines Canons der allgemeinen und tiberlieferten Sprache bedienen. Unter den nicht wenigen Äuße- rungen, die mittelbar oder unmittelbar von dieser Auffassung Zeugniß geben, will ich nur an die Bemerkung erinnern, die Bartsch an das von ihm entdeckte Akrostichon in Heinrichs von dem Türlin Krone anknüpfte (Germ. 25, 1880, 96). In ihm begegnet nicht österreichisch ei und az für i und ei; „beides bezeugt das Vorhandensein einer Lite- ratursprache, die sich nicht auf den Boden der Mundart stellt, sondern tiber dieser steht." — Für das Mitteldeutsche hat Bartsch gar Manches gethan. Zuerst in der Einleitung zu seinem Albrecht von Halberstadt, wo auch auf Ernsts von Kirchberg Sprache zur Ergänzung und zur Vergleichung Rücksicht genommen ist, ferner in der Erlösung, dann in dem Aufsatz tiber den Dichter der Erlösung (Germ. 7, 1882, 1), der zugleich, namentlich auf Grund der sprachlichen Übereinstimmung als Verfasser des Gedichtes von der heiligen Elisabeth nachgewiesen wird, was Max Rieger in seiner Elisabeth- Ausgabe (1868) bestätigt; auch nimmt Bartsch öfters in Recensionen von Ausgaben Gelegenheit, seine Meinung tiber den mitteldeutschen Dialekt kundzugeben. In den Mitteldeutschen Gedichten (Lit. Ver. 1860) bringt er dagegen keine Darstellung des Sprachlichen, weil sich beweisende Reime in Menge darbieten. — Wie sich Bartsch zu den neuen Anschauungen der so- genannten junggrammatischen Schule gestellt hat, ist mir nicht aus seinen Schriften entgegengetreten. Er hatte eben keine Gelegenheit, sich dartiber auszusprechen. Diejenigen, die bei ihm Grammatik gehört haben, werden darüber Auskunft geben können. Daß er als akade- mischer Lehrer auch das grammatische Studium und insbesondere auch das der Dialekte zu befördern suchte, ersehen wir aus der von ihm in Rostock gestellten Preisaufgabe, die Karl Nerger in seiner Grammatik des meklenburgischen Dialektes älterer und neuerer Zeit (1869) so glücklich gelöst hat.
Grammatik und Metrik sind die Grundlagen für die Text- kritik, aber sie bedürfen der Stütze noch mannigfacher Kenntnisse, Erfahrungen und Operationen, ehe sie aus der Theorie in die Praxis übertreten können, ganz zu geschweigen der natürlichen Begabung, die der kritische Herausgeber für seine zum Theil künstlerische Auf- gabe mitbringen muß. Bartsch besaß alle Vorbedingungen eines Her-
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ausgebers in glücklichster Weise. Besonders kam ilim seine classisch- philülogische Schule und sein eigenes Dichlertalent zu Gute. Eine Reihe kleinerer Fragmente hat er ja urkundlich abdrucken lassen, aber fast niemals begnügte er sich mit solchem Abdruck; er gab meist Lesarten dazu oder versuchte Besserungen des Textes in den beigegebenen Anmerkungen. Weitaus die meisten seiner Texte sind wirkliche Ausgaben. Es ist natürlich, daß diese Texte vorwiegend der mittelhochdeutschen Periode angehören. Es ist staunenswerth, wie viel er edirt hat! Ich brauche nicht die einzelnen Leistungen namliaft zu machen. Rudolf von Raumer nennt nächst Pfeiffer in seiner Ge- schichte der germanischen Philologie (1870, S. 708) Bartsch als einen der gewandtesten und bestausgerüsteten Herausgeber mittelhoch- deutscher Werke. Das Urtheil ist gewiß ganz richtig und für Bartsch ehrenvoll. Wir müssen es hier aber dahin ergänzen, daß sich Pfeiffer und Bartsch doch auch in ihrer Eigenthümlichkeit als Herausgeber sehr wesentlich unterscheiden. Pfeiffer verfuhr der handschriftlichen Über- lieferung gegenüber immer conservativ, er regelte der Metrik wegen nur höchst behutsam und überließ es lieber dem Leser, sich den Versbau richtig herzustellen, als daß er selbst den Text glättete und regelte. Ganz anders Bartsch. Er erstrebte nicht nur einen richtigen, verständlichen Text, sondern auch einen künstlerischen, den Text des Dichters, nicht den des Schreibers. In dieser Beziehung ähnelte er Lachmann viel mehr als seinem Freunde Pfeiffer. Weil er sich in vielen Dingen an diesen anschloß, der sich von den Berlinern getrennt hatte, weil er eine eigene Nibelungen-Theorie aufstellte, hat man ihn von mancher Seite als einen Gegner Lachmanns bezeichnet. Welch ein Irrthum, welch eine Thorheit! In Einzelheiten mag er von Lach- mann abgewichen sein, aber in seinem Wesen als Herausgeber, im Princip und in der Technik ist er Lachmanns treuester Schüler und Nachfolger. Ich wüßte nach Haupt Keinen zu nennen, der auf den Namen eines Vollblut-Lachmannianers mehr Anspruch hätte als gerade Bartsch. Darin ging Bartsch über Lachmann allerdings hinaus, daß er dem Dialektischen einen größeren Einfluß gestattete, sonst aber in den mannigfaltigen kritischen Maßnahmen, auch in der Kühnheit der Ergänzungen, im Gebrauch der Conjecturen hat er dem großen Meister nachgestrebt. Wie er über die Aufgabe des Kritikers dachte, ist an unzähligen Stellen zwischen den Zeilen zu lesen, sein Glaubensbekenntniß finden wir aber genauer ausgesprochen in einem gegen Lichtenstein gerichteten Aufsatze (Germ. 27, 1882, 359). Wir sehen auch daraus, daß Bartsch in seiner langen Wirksamkeit als
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Herausgeber nicht etwa WandluDgen durchgemacht, sich zu anderem System bekehrt hat, sondern daß er sicli gleichgeblieben ist und auch diejenige Arbeit, der selbst manche Freunde wegen ihrer allzugroßen Unsicherheit der Textherstellung und wegen ihres Charakters als eines kritischen Exercitiums und Kunststückes Bedenken entgegensetzen mußten, nämlich seineu Albrecht von Halberstadt keineswegs bereute oder als Jugendwagniß verwarf. Immer hat auch Bartsch auf den kritischen Apparat großes Gewicht gelegt. Solchen Ausgaben, die ohne kritische Anmerkungen veröffentlicht wurden, wie die Kudrun und das Kolandslied in den bekannten Sammlungen, ließ er nachträglich den Apparat folgen (dagegeu ist zu seinem Wolfram diese Zugabe noch nicht geliefert worden). So war er auch besonders dazu geschickt, einen ganzen Band Anmerkungen zu bieten, die Anmerkungen zu Konrads Trojanerkrieg (Lit. Ver. 133, 1877). — Die Textkritik übte er nun auch in seinen Recensionen, die er außer in der Germania in sehr vielen kritischen und literarischen Orgauen niederlegte. Die wenigen von mir genannten, die für die Metrik wichtig waren, sind ebenfalls in kriti- scher Hinsicht von Belang.
Das gilt natürlich von allen anderen auch, sobald sie Ausgaben betreffen. Herausgehoben sei aus seiner Jugendzeit die ßecension über Kückerts Lohengrin (Germ. 3, 1858, ii44), dann die spätere über Zarnckes Nibelungenlied (Germ. 13, 1868, 210), schließlich die über Lichtensteins Eilhart (Germ. 23, 1878, 242), welcher später verschie- dene Aufsätze polemisch-kritischer Art folgten.
So sind wir von selbst auf die kritische Thätigkeit ßartschens hingelenkt worden. Was er als Recensent geschaffen, ist nicht allein in seiner Menge überraschend und zugleich stofflich höchst mannig- fach und vielseitig, sondern auch gediegen, lehrreich und gewinn- bringend, und dies letzteie in höherem Maße in seinen längeren und ausführlichen Recensionen. Wenn man einen Gelehrten wie Bartsch recht ex'kennen und würdigen will, darf man nicht bloß seine größeren Werke beachten. Mancher Aufsatz ist unter Umständen öfters wich- tiger und einflußreicher als ein dickes Buch, aber ebenso enthalten auch die Recensionen bedeutsame Anregungen, die an Tageserschei- nungen anknüpfend ihre unmittelbare Wirkung ausüben. Bartsch war in seinem ersten Auftreten ein strenger Kritiker, der selbst die Freunde nicht schonte, später wurde er milder. Immer war es ihm um die Sache zu thun. Er zollte bereitwillig Anerkennung und tadelte selten ohne Begründung. Seine Polemik war maßvoll, nur manchmal ver- mied er nicht, wenn er gereizt war, den wuchtigen und scharfen Aus- druck, aber niemals ließ er sich zu unedler Rede hinreißen.
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In einer Beziehung wich Bartseh in seinen Editionen von Lach- mann ab. Wie schon bemerkt, gab er in seinen Einleitungen im Zu- sammenhang auch metrische und grammatische Belehrungen, ganz in Pfeiffers Weise, während Lachmann und später auch Haupt in der liegel nur kritische und metrische Bemerkungen und Parallelstellen am Schluße hinzufügten. Ebenso belehrte er ausführlich über die lite- rarischen Verhältnisse. Auch in anderer Weise sorgte Bartsch noch für die Benutzer; er gab auch einzelne hermen eutische Erklärun- gen, ferner, wenn es nöthig schien, Hinweise auf die benutzten Quellen, sorgte für Glossare oder mindestens für Wörterverzeichnisse, nicht minder auch für Namenverzeichnisse. Er suchte eben auch seine ge- lehrten Ausgaben so brauchbar wie nur möglich zu machen. Außer diesen hat er nun auch mehrere für ein größeres Publicum geliefert, und in ihnen trat er auch als Erklärer auf Für Pfeiffers Sammlung gab er die Kudrun, das Nibelungenlied (eigentlich die Nibelungen- noth), sowie Wolframs Parzival und Titurel heraus. Bartsch spricht sich über dieses Unternehmen in der Biographie Pfeiffers aus. (S. LXXVH). Rückhaltlos sagt er: „Die Mängel in der Ausführung des Unternehmens kann man zugeben, und ich kenne zumal die meiner eigenen recht wohl" (damals waren aber der Parzival und Titurel noch nicht erschienen). Eine Erklärung der Werke Wolframs war eine der schwierigsten Aufgaben, die es geben konnte. Gewiß sind durch Bartsch, was er sich nach seinen Schlußworten in der Einleitung selbst nicht verhehlte, keineswegs alle Räthsel gelöst, alle Pfade geebnet, aber es liegt uns doch in diesem unscheinbaren Commentar, der wie spielend die gedankenschweren Verse Wolframs dem Verständnisse erschließt, eine Leistung allerersten Ranges vor. Ich wüßte Keinen unter den damaligen und den jetzigen Kennern des Mittelhochdeutschen, der dieser Aufgabe auch nur annähernd so gewachsen gewesen wäre wie gerade Bartsch. — An Pfeiffers Classiker des deutschen Mittel- alters schließt sich die von Bartsch begründete und herausgegebene Sammlung deutscher Dichtungen, die der Vorperiode und der Epigo- nenzeit angeboren. Sie war für einen kleineren Kreis berechnet, und wenn auch im Großen und Ganzen die frühere Weise eingehalten wurde, so suchte Bartsch doch auch deren Mängel dadurch zu ver- meiden, daß er die Worterklärungen möglichst beschränken und dafür den Wortregistern mehr die Gestalt eines Glossars geben wollte, aber dabei vermied er es, seinen Mitarbeitern schablonenhafte Anweisungen zu geben. Er selbst lieferte für seine Sammlung die Ausgabe des Rolandsliedes. Wer Bartschens Commentar, auf den wir schon gele-
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gentlich hinzuweisen hatten, mit denen in der ersten Sammlung ver- gleicht, wird sofort gewahren, daß er bei aller Popularität eine mehr gelehrte Haltung besitzt.
Hier mag es sich schicken, auch seiner Ausgaben zu gedenken, die er für Unterrichts zwecke lieferte. In , demselben Jahre, in welchem Pfeiffers Sammlung begonnen wurde (1860), trat er mit der Auswahl deutscher Liederdichter des 12. — 14. Jahrhunderts hervor. Dieses Buch, welches aber ebenso gut den Gelehrten dienen kann wie den Studirenden, gehört ohne Zweifel zu Bartschens besten Schöpfungen. Es ist ebenso wissenschaftlich wie praktisch. Es bietet eine treffliche Einleitung über die alte Liederkunst, belehrt über die einzelnen Dichter, gibt einen gereinigten Text nebst den wichtigsten Lesarten und schließlich ein Glossar, welches allerdings noch etwas ausführlicher sein sollte. Wie brauchbar und willkommen diese Lieder- dichter waren, beweist die nöthig gewordene zweite Auflage (1879), die mannigfache Verbesserungen erhalten hat. Diese Sammlung ist zwar nicht auf dem Titel als Schulausgabe bezeichnet, aber sie sollte es doch sein und diente auch als ^eine solche und wird sich auch künftig bewähren. Seine Ausgaben des Nibelungenliedes und der Kudrun gestaltete Bartsch auch zu wirklichen Schulausgaben um, indem er den Text ohne die von Pfeiffer zu metrischen Zwecken einge- führten Punkte und Apostrophe gab und statt der erklärenden An- merkungen kurzgefaßte Wörterbücher hinzufügte. Ebenso lieferte er auch eine Schulausgabe der Gedichte Walthers, nachdem er sich nach Pfeiffers Tode der Bearbeitung mehi'erer neuer Auflagen von dessen Ausgabe unterzogen hatte. Auch diese Schulausgaben sind beifällig aufgenommen worden.
Jede Ausgabe eines Literaturdenkmals ist ein Beitrag zur Lite- raturgeschichte, und sie ist es umsomehr, wenn der Heraus- geber, so viel an ihm liegt, literarhistorische Unterweisung bietet. Dieser Forderung ist Bartsch in seinen großen Editionen immer, in seinen kleinen zumeist nachgekommen. Die Zeiten sind vorüber, in denen die Literaturgeschichte als philologische Hilfswissenschaft galt-, daß die Literaturgeschichte das Ziel, zum Mindesten eines der Ziele der Philologie ist, dessen war sich auch Bartsch vollbewußt. Ohne Einleitung oder ohne Nachwort wollte er seine Texte nicht lassen. Er belehrte über den Dichter wie über den von ihm behandelten Stoff. Einige seiner für die Literaturgeschichte wichtigen Arbeiten mögen hervorgehoben werden. Die Einleitung zum Albrecht von Hal- berstadt erweiterte sich mit Bevorzugung des stofflichen Interesses zu
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einer literarisch-vergleichenden Untersuchung über Ovid im Mittelalter. Sein Herzog Ernst führte ihn zu einer Behandlung der Sage. Sein Buch über Karlmeinet ist eine literarisch-kritische Arbeit, in der zum ersten Male in eindringender Weise die modernisirenden Bearbeitungen alter Dichtungen beleuchtet wurden. Der von mir genannte Aufsatz über den Dichter der Erlösung bringt eine neue literarhistorische Thatsache. Ferner schlagen fast alle Arbeiten, welche die Verbindung deutscher und romanischer Philologie kundgeben, in das literar- geschichtliche Gebiet ein. Die meisten dieser Arbeiten sind literarisch- kritisch gehalten. Aber auch zusammenhängende Darstellungen finden wir, die sich sehr gut lesen. Das sind namentlich die Vorträge, die Bartsch an den verschiedenen Heimatorten und anderwärts gehalten hat. Dasselbe gilt von den zahlreichen Aufsätzen in literarischen Zeit- schriften, sowie von den Einleitungen zu seinen populären Ausgaben. Auf eine Einleitung möchte ich besonders hinweisen, weil sie mir ein kleines Kunstwerk zu sein scheint, auf die schon erwähnte Einleitung zu den deutschen Liederdichtern. Hier ist jeder Satz, fast jeder Aus- spruch durch einen Hinweis auf die bereitliegende Quelle des mit- getheilten Textes belegt, und sie macht in solcher Weise einen streng gelehrten Eindruck. Die kleinen Zahlen, die uns fort und fort be- gegnen, stören etwas die fortlaufende Leetüre; denken wir sie uns hinweg oder suchen wir sie unbeachtet zu lassen, dann haben wir eine wohl stilisirte, äußerst lehrreiche und anziehende Abhandlung vor uns. — Auch für mehrere encyklopädische Werke (ßrockhaus, Allgemeine Deutsche Biographie u. a.) hat Bartsch literarhistorische Artikel geschrieben, welche Wissenschaftlichkeit und flüssige Form verbinden.
Allen Gattungen der Literatur und deren Vertretern widmet Bartsch sein Interesse, der Volksdichtung so gut wie der Kunst- dichtung, dem Epos, der Lyrik, dem Drama, der Prosa. Wenn er auch für die mittlere Zeit zumeist thätig ist, so führt ihn das Studium doch öfters auch zum Althochdeutschen und Altsächsischen. Einen besonderen Reiz aber hatte für ihn die ältere Übergangsperiode, die Zeit der Assonanz ; auch die Epigonenzeit und die Reformationsepoche nehmen ihn zu wiederholten Malen gefangen. Daß er auch der latei- nischen Poesie des Mittelalters Beachtung schenkte, wurde schon er- wähnt. Das zeigt u. A. ferner die, wenn auch kurze Recension von Voigts Ecbasis (Germ. 22, 97). Auch für das Niederdeutsche hatte sich Bartsch erwärmt, wie seine Mitarbeiterschaft am Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung bekundet. Zum Betrieb
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der neueren Literatur blieb ihm nicht viel Zeit. Daß er aber auch für sie ein Herz hatte, beweisen seine Beiträge zum Goethe-Jahrbuch und seine Aufsätze in literarischen und belletristischen Zeitschriften. Einem so belesenen und überall orientirten Kenner der Literatui', wie es Bartsch war, hätte eigentlich die Aufgabe nahe gelegen , eine Darstellung unserer Literaturgeschichte zu geben. Ich zweifle auch nicht, daß er sich später auch einmal dazu entschlossen hätte, wenn ihm nicht der Auftrag geworden wäre, sich der Werke zweier namhafter Literarhistoriker anzunehmen und sie den Anforderungen der ge<ien- wärtigen Wissenschaft anzupassen, sie weiterzuführen und umzugestalten. Keiner war zu diesen Aufgaben so ausgerüstet und zugleich so geschickt wie Bartsch. Bereitwillig gewährte er Gervinus die erbetene Hilfe bei der fünften Auflage der Geschichte der deutschen Dichtung. Für die ersten Bände war diese Unterstützung seitens eines jüngeren Fachmannes besonders erwünscht und nöthig. Am zweiten Bande wurde bereits gedruckt, als ßartschens Übersiedlung nach Heidelberg erfolgte. Um dieselbe Zeit schied Gervinus aus dem Leben (18. März 1871). Das Werk stand damals gerade bei dem Abschnitt über das mittelalterliche Drama. Die Hoffnung auf ein gemeinsames Arbeiten war zerstört, Bartsch mußte nun die Fortführung des Werkes allein übernehmen. Auf den Titeln der letzten drei Bände (1872 — 74) ist er auch als Herausgeber genannt, was beim zweiten schon hätte ge- schehen sollen. Von dieser Bemühung für das Werk von Gervinus hatte Kob erste in vernommen, der ebenfalls eine Umarbeitung seines literarhistorischen Werkes plante. Koberstein glaubie, Bartsch könne die Einzelstudien für den Grundriß noch besser verwerthen als in dem darstellenden Werke des Historikers. Ehe jedoch Koberstein mit Bartsch in Unterhandlung trat, wurde er aus diesem Leben abberufen (8. März 1871). Bartsch übernahm auf Wunsch des ihm schon befreundeten Verlegers und der Koberstein'schen Erben die Neubearbeitung des Grundrisses, der in der neuen, ebenfalls fünften Auflage zugleich den Titel einer Geschichte der deutschen Nationalliteratur ei'hielt. Ich habe nicht nöthig, das vielbenutzte und unentbehrliche Buch in seiner Neugestaltung zu schildern. Wenn die Benutzer mancherlei vermißten, so muß daran erinnert werden, daß Bartsch sich im Ganzen au das von Koberstein Überkommene halten und sich in seinen Nachträgen beschränken mußte, wenn er nicht den Charakter des ursprünglichen Grundrisses zerstören wollte. Mit vollem Rechte konnte Bartsch auch den Ausspruch thun, es wäre leichter gewesen, einen neuen Grundriß zu entwerfen, als das Werk eines Andern dem heutigen Standpunkte
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der Forschung gemäß umzugestalten. Wie außerordentlich brauchbar Bartschens Neubearbeitung, insbesondere des ersten Bandes befunden wurde, ersehen wir aus der nöthig gewordenen sechsten Auflage (1884), welche, nachdem das Buch gewissermaßen aus Kobersteins Besitz in den von Bartsch übergegangen war, keine Beschränkung in der Ver- werthung und Vertheilung des Stoffes mehr auferlegte. In einer Hin- sicht muß es als ein ganz besonderes Glück erachtet werden, daß Bartsch zur Neubearbeitung gerade des Koberstein'schen Grundrisses auserkoren wurde. Denn keines der literarhistorischen Werke gleicher oder ähnlicher Art ist so wie dieses auch der Geschichte der Metrik gerecht geworden. Da war für die Neigung wie für die Kenntnisse des Bearbeiters ein ergiebiges Feld bereit. Wenn die Par- tien des Buches, die von den dichterischen Formen handeln^ für sich zusammengestellt und besonders gedruckt würden, so wäre uns damit eine Geschichte der deutschen Metrik gegeben, wie sie sonst nirgends vorhanden ist.
Gegenüber dem darstellenden Werke von Gervinus kann das von Koberstein als ein bibliographisch-literarhistorisches bezeichnet werden. Ohne Frage hat der Grundriß seinen Schwerpunkt in den Anmerkungen. Die Neubearbeitung mußte somit auch vorzugsweise auf die Bibliographie gerichtet sein. Auch das traf sich glücklich, daß Bartsch zu solcher Arbeit besonders geschult war, was unter den Germanisten eigentlich recht Wenige sind. Diese Schulung hatte er während seines Wirkens am germanischen Museum erworben. Sie kam ihm für sein ganzes Leben zu Gute. Darum konnte es auch nur Bartsch sein, der zum ersten Male es auf sich nahm, eine biblio- graphische Übersicht der neuen Erscheinungen auf dem Gebiete der germanischen Philologie zu geben. Er begann mit dem Jahre 1862 im 8. Jahrgang der Germania (1863). Das Unternehmen fand all- seitigen Beifall, weil es einem längst empfundenen Bedürfnisse ent- gegenkam und vortrefflich ausgeführt war. Später erfreute sich Bartsch für die ausländischen Gebiete der germanischen Philologie der Bei- hilfe hervorragender Gelehrten. Bis zum Jahre 1884 hat Bartsch die Bibliographie fortgeführt, die für 1885 konnte er, durch Krankheit verhindert, nicht mehr zu Stande bringen; er gedachte sie mit der für 1886 zugleich nachzuliefern. Aber diese Hoffnung hat die fort- schreitende Krankheit verhindert: auch der letzte von Bartsch heraus- gegebene Jahrgang (1887) ist ohne die gewohnte Bibliographie ge- blieben.
Jede Bibliographie erfüllt zunächst einen praktischen Zweck,
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sie bietet der Wissenschaft eine Hilfe. Zugleich aber gibt sie ein Bild ihres jeweiligen Standes und ist insofern ein Beitrag zu ihrer Ge- schichte. Für die Geschichte der deutschen Philologie hegte Bartsch immer ein lebendiges Interesse. Von ihm rühren auch eine Menge Nekrologe verstorbener Fachgenossen her, die er zumeist in der Germania niederlegte. Aber auch für encyklopädische Werke (Brockhaus, AUgem. Deutsche Biographie u. a.) lieferte er eine Reihe Biographien deutscher Philologen. Der größeren Biographie Pfeiffers ist schon gedacht. Für eine Prorectoratsrede in Heidelberg (1881) wählte er auch ein Thema aus der Geschichte unserer Wissenschaft; er sprach über „Romantiker und germanistische Studien in Heidelberg, 1804—1808".
Mit der Bücherkunde ist aufs Engste verbunden die Hand- schriftenkunde und die Paläographie. Für diese Hilfswissen- schaft und vorbereitende Kunst hatte Bartsch ebenfalls am germani- schen Museum die besten Grundlagen gewonnen, nachdem er sich schon vorher in London, 'Oxford und Paris im Lesen und Abschreiben romanischer Handschriften geübt hatte. Frühzeitiger, als es den Meisten vergönnt ist, hatte er sich so mit dem Handschriftenwesen vertraut gemacht und hatte schließlich eine Fertigkeit im Lesen der alten Schriften erworben, die uns in Erstaunen setzen muß. Hunderte von Handschriften und Handschriftfragmenten sind durch seine Hände gegangen; unzählige hat er verzeichnet, abgeschrieben oder coUa- tionirt. In der Taxation der Zeit konnte er sich auf sein Auge ver- lassen, seine Kenntniß der Mundarten verhalf ihm zur Bestimmung der Heimath, seine Belesenheit verrieth ihm bei den meisten Frag- menten ihre Herkunft. — Seine Hauptaufgabe am germanischen Mu- seum bestand im Anlegen eines umfassenden Zettelkatalogs der für die altdeutsche Literatur wichtigen Handschriften, soweit solche be- kannt waren. Und die letzte Arbeit, der er sich hingab und deren Vollendung er, der schon schwer Erkrankte, noch erleben durfte, war ebenfalls ein Handschriftenkatalog, der beste seiner Art, den wir besitzen. Das große Unternehmen eines Katalogs der Handschriften der Universität Heidelberg eröffnete er mit einem beschreibenden Ver- zeichniß der altdeutschen Handschriften (Vorrede vom Juli 1886, er- schienen 1887). Wenn Bartsch auch Vorarbeiten vorfand und sich der Unterstützung jüngerer Gelehrten erfreuen durfte, die er wegen seiner Erkrankung in Anspruch nehmen mußte, so bleibt ihm doch das Hauptverdienst an diesem wahrhaft monumentalen Werke.
Nachdem wir Bartsch auf die mannigfachen Gebiete begleitet
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haben, die er betrat, bebaute und beherrschste, wollen wir schließlich uns noch einem einzelnen insbesondere zuwenden, auf welchem er mit Vorliebe verweilte und mit dem größten Erfolge thätig war. Keiner unter den neueren Germanisten hat so viel für die Nibelun- gen gewirkt wie er. Daß er drei Nibelungenausgaben , eine streng- gelehrte, eine für weitere Kreise und eine für Schulen, und dazu eine Nibelungenlied -Übersetzung lieferte, würde schon hinreichen, seinem Namen für alle Zeiten einen hervorragenden Platz in der Nibelungen- Literatur zu sichern. Was ihn aber unsterblich macheu wird, selbst wenn er sonst gar nichts geschaffen hätte, ist seine neue Nibelungen- Theorie, welche nach meiner Überzeugung, die sich immer mehr gefestigt hat, die Theorie der Zukunft zu werden bestimmt ist; welche alle andern überdauern wird, weil sie allein die wahre literarhisto- rische Wertschätzung unseres Nationalepos ermöglicht. Ich habe hier nicht nöthig, diese Theorie darzulegen. Es ist bekannt, daß Bartsch bereits auf der Philologenversammlung zu Augsburg im September 1862 über eine neue Ansicht von der Entstehung der Nibelungen einen kürzeren Vortrag hielt, über den er dann auch im Jahrgang 1863 der Germania Bericht abstattete. Eine Ausführung seiner Gedanken in einer besonderen Schrift stellte er in Aussicht. Diese durchaus von den bisherigen Theorien abweichenden Anschauungen überraschten und interessirten die germanistischen Kreise in höchstem Maße. Eine Debatte schloß sich in Augsburg nicht an jenen Vortrag an; er soll aber, wie mir persönlich mitgetheilt wurde, Gegenstand lebhaftester Privatgespräche gewesen sein. Dasselbe war auch ein Jahr darauf in Meißen bei der Philologenversammlung der Fall. Ich erinnere mich noch ganz deutlich, wie während einer geselligen Zusammenkunft Bartsch seine Ansichten einem befreundeten Kreise entwickelte und sich namentlich gegen die Einwände von Professor Gosche zu rüsten hatte. Im Jahre 1865 erschienen die mit Spannung erwarteten „Unter- suchungen über das Nibelungenlied". Es ist dies zwar nicht das umfangreichste seiner Bücher, wohl aber das allerbedeutendste, wich- tigste, einflußreichste. Daß Bartsch sich sofort seines Sieges erfreute^, kann durchaus nicht behauptet werden. Im Gegentheil, er hatte im Anfang nur Gegner auf den Plan gelockt. Seine neue Theorie war gewissermaßen eine vermittelnde, indem er in der Annahme eines ein- heitlichen Gedichtes sich auf Holtzmanns und Zarnckes Seite stellte, in der Annahme des Vorzugs der Nibelungennoth auf die Lachmanns. Der Vermittler hat immer, namentlich aber in wissenschaftlichen Streit- fragen, einen schlimmen Stand: er stellt sich zwischen zwei Feuer und
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muß sich den Geschossen zweier Seiten aussetzen. Aber auch an Zu- stimmung fehlte es nicht, und der Zustimmenden sind von Jahr zu Jahr mehr geworden. Bartsch hat auch dafür gesorgt, daß er auch von Solchen verstanden wurde, die nicht in der Lage sind, seine Untersuchungen genau durchzustudiren. Die Ergebnisse sind am Schlüsse seines Buches in lichtvollster Weise zusammengestellt. Ebenso belehrt er über die Entstehung des Gedichtes in den Einleitungen zu seiner populären Ausgabe und kürzer zu seiner Übersetzung. Auch in seiner Bearbeitung des Koberstein'schen Grundrisses ist die neue Ansicht dargelegt. Vortrefflich und überzeugend ist auch das, was Bartsch in seiner Recension der Nibelungenlied-Ausgabe von Zarncke (Germ. 13, 1868, 216) beibringt. Das ist selbstverständlich nur für die Gelehrten, aber diese scheinen gerade die erwähnte Recension nicht recht beachtet zu haben. Auch Rudolf von Raumer widmete in seiner Geschichte der germanischen Philologie (1870, S. 703) der neuen Theorie eine klare Erörterung, aber er verfährt im Geiste des Historikers durchaus objectiv und nimmt nicht Partei. Wenn Raumer bemerkt, Bartsch untersuche, „vorbereitet durch seine Forschungen über die Umarbeitungen der deutschen Dichtungen aus dem kerlin- gischen Sagenkreise", ob nicht den überlieferten Texten unserer Nibe- lungen ein älteres Werk zu Grunde liege, so möchte ich dem Worte „vorbereitet" hinzufügen: „und angeregt". Selbst wenn Bartsch es nicht auf der ersten Seite seines Vorwortes sagte, daß ihm gleich seine erste größere Arbeit auf dem Gebiete der deutschen Philologie, die Herausgabe von des Strickers Karl, auf das durch die ganze mittel- alterliche Literatur hindurchgehende Verhältniß von ursprünglichen und überarbeiteten Texten geführt habe und daß für ihn die Unter- suchung über Karlmeinet wegen der hier vorliegenden Vereinigung verschiedener Werke zu einem Ganzen noch förderlicher gewesen sei, so müßten wir ganz von selbst darauf kommen, sobald wir uns nur ein wenig nach dem Lebens- und Studiengange Bartschens umseiien, daß in jenen Bemühungen seiner Jugend die ersten Keime zu seinem größten Lebenswerke ruhen. Fort und fort hat er diese Erschei- nung, daß alte Dichtungen modernisirt werden, verfolgen können, namentlich in seinen metrischen Studien, bis ihm zuletzt die Erleuch- tung kam, daß auch die verschiedenen Bearbeitungen des Nibelungen- liedes jenem durchgehenden Zuge ihre Erstehung verdanken und auf ein älteres, uns leider unbekanntes, nur ideal vorgestelltes Original- werk zurückgehen. Darin, daß die neue Theorie in der Literatur- geschichte ihren Halt findet, beruht ihre Stärke und gewiß auch ihr
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endlicber Triumph. Der erste, der sieh öffentlich entschieden und in streng wissenschaftlicher Nachprüfung für die neue Lehre bekannte, war Hermann Fischer in seiner Preisschrift über die Forschungen über das Nibelungenlied seit Karl Lachmann (1874)'). Was von gegnerischer Seite vorgebracht worden ist, betrifft Einzelnheiten, Klei- nigkeiten, Nebensachen wie die Kürenberger-Frage ; um die Hauptsache gehen die Zweifler, wenn ich mich rückhaltlos in einem Bilde aus- drücken darf, wie die Katze um den heißen Brei herum ; diese Gegner zweifeln, weil sie sich von vorgefaßten Meinungen nicht befreien können und sich das rechte literarhistorische und überhaupt das historische Denken nicht völlig zu eigen gemacht haben.
Kurz nur mag erwähnt sein, daß Bartsch seine Bemühungen für die Nibelungen auch auf die Klage übertrug, die er sich in gleicher Weise entstanden dachte (1875).
Wir können nun nach Betrachtung der Werke von Bartsch nicht umhin, auch noch ein Wort im Zusammenhange über die Schriften anderer Autoren zu sagen, deren Herausgabe oder Neubearbei- tung er übernahm. Zumeist sind es die Verleger, die ihn zu dieser Mühewaltung ausersehen und zu bestimmen suchen. Es ist das ein Zeichen des ungemeinen Vertrauens, dessen sich Bartsch in der Buchhändlerwelt erfreute. Man wußte, daß er nicht allein solche Auf- träge vortrefflich ausführte, sondern sie auch rasch und sicher för- derte, wenn er sie einmal übernommen hatte. Der Herausgabe des Pfeiffer'schen Walther haben wir schon gedacht; der beiden Werke von Gervinus und von Koberstein mußte bei Betrachtung der literar- historischen Arbeiten Erwähnung geschehen. Hier haben wir ergän- zend nachzutragen, daß Bartsch auch eine von dem auf dem Gebiete des deutschen Volksliedes so thätigen und verdienten Freiherrn von Ditfurth nachgelassene Sammlung historisch-politischer Volkslieder des dreißigjährigen Krieges zur Veröffentlichung brachte (1882) , und schließh'ch sei auch hingewiesen, wenn es auch Bücher der romani- schen Philologie betrifft, auf die Neuausgabe der beiden berühmten Werke von Diez, der „Poesie der Troubadours" und von „Leben und Werke der Troubadours" (1882. 1883).
Ein Werk, welches zwar auch nur durch Beihilfe Anderer zu Stande gekommen ist, welches aber ohne Bartsch nicht ermöglicht worden
') Meine Zustimmung habe ich in der Be.sprechung der Schrift von Hermann Fischer in den Blättern für literarische Unterhaltung (1876, Nr. 26) bekannt.
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wäre, ist die Sammlung der Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg (1879/80). Zu den eigentlichen Sagen- und Mythen- forschern können wir Bartsch sicher nicht zählen, aber er interessirte sich doch lebhaft auch für dieses Gebiet. Wie schon angedeutet, ver- folgte er in seinen Ausgaben auch die behandelten Sagenstoffe; er las auch Collegien über deutsche Mythologie; in der Germania gab er auch einmal (12, 1864, 220) eine anziehende und überraschende Mittheilung vom Fortleben der Kudrun-Sage im nördlichen Deutsch- land, speciell in Meklenburg. Was er da in Erfahrung brachte, gerade das mochte ihn wohl zu einer Sammlung der meklenburgischen Sagen und Volksüberlieferungen angeregt haben. Jene Mittheilung ist datirt vom März 1866, im Februar 1867 erließ er bereits in Verbindung mit seinem Freunde Lisch in Schwerin zum Besten eines solchen Unter- nehmens einen Aufruf, der in allen Kreisen der Bevölkerung einer regen Theilnahme begegnete und zahlreiche Beiträge erwirkte. Auf Beiträge mußte vornehmlich das Werk gegründet werden, wenn auch frühere literarische Quellen nicht unbenutzt bleiben durften. Aber ein solches Unternehmen reift nur langsam heran. Bartsch verließ Rostock, ohne das Werk veröffentlicht zu haben, und es währte noch geraume Zeit, ehe es erscheinen konnte. Dieses Meklenburgische Sagenbuch, dem verstorbenen Großherzog Friedrich Franz, welcher Bartsch „immer ein gütiger Herr war", in Ehrfurcht gewidmet, kann als ein Geschenk des Sammlers und Herausgebers an seine einstige Heimat bezeichnet werden. Es hat auch in Meklenburg viel Freude bereitet. Wissenschaftlich betrachtet reiht es sich den bekannten trefflichen und hervorragenden Sagenbüchern Norddeutschlands ebenbürtig an, zumal es Bartsch nicht an Literaturverweisen fehlen ließ.
Haben wir somit auch der redactionellen Thätigkeit gedacht, die Bartsch auf verschiedenen Gebieten entfaltete, so haben wir hier besonderen Anlaß, auch seine Wirksamkeit und sein Verdienst als Herausgeber der Germania hervorzuheben. Ja, er war der beste und fleißigste Mitarbeiter! Ich erinnere mich noch ganz deutlich aus meiner Nürnberger Zeit^), daß Frommann uns Jüngeren einmal einen Brief Pfeiffers mittheilte, in welchem dieser sich höchst befriedigt über die Mitarbeiterschaft Bartschens an der Germania aussprach und seine Beiträge mit als die besten bezeichnete. Als er selbst nach Pfeiffers
*) Hier möchte ich zu Meyers von Waldeck Nekrolog in der Allgemeinen Zeitung II, Nr. 75, 1106 [bes. Abdr. S. 11] bemerken, daß ich nicht zugleich mit Bartsch am germanischen Museum war; ich kam gerade dahin, als er nach Rostock ging.
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Hinscheiden die Zügel in die Hand genommen, hörte er nicht auf, seinen Freunden und Mitarbeitern ein Vorbild zu sein. Jahr um Jahr lieferte er neben Aufsätzen, Textmittheilungen, Recensionen, Nekro- logen die Bibliographie. Der Verlust eines solchen Mitarbeiters wird aber dadurch bedeutend erhöht, daß er zugleich der Leiter und die Seele des Organes war. Durch seine ungemeine Vielseitigkeit verstand er nicht allein die einzelnen Beiträge zu würdigen, sondern auch für ihre Correctheit im Drucke zu sorgen. Er beherrschte auch die Ge- biete, auf denen er nicht selbsthätig schuf, wie das Nordische und das Angelsächsische, die er ja auch in seinen Vorlesungen behandelte. Wie aufmerksam er die Beiträge nachprüfte, bekunden die öfters hin- zugefügten Bemerkungen, die Ergänzungen brachten oder bisweilen auch Zweifel äußerten. Aber er drängte sich nicht mit seiner Kritik hervor, er ließ vielmehr den Mitarbeitern volle Freiheit. Wenn in der Polemik ein allzuherber Ausdruck gebraucht wurde, so suchte er ihn zu mildern, doch nicht so, daß seine Wirkung völlig verloren ging.
Nicht bloß den Gelehrten, auch den Schriftsteller haben wir zu würdigen gesucht. Seine streng gelehrten Werke überwiegen weitaus, aber er hielt es nicht für einen Raub^ auch für weitere Kreise der Gebildeten zu schaffen. Da darf auch ein Wort nicht fehlen über seine Schreibart, seinen Stil. Bartsch schreibt immer, auch in seinen gelehrten Arbeiten, in höchstem Maße klar, einfach und gewandt. Besondere Eigenart wohnt seiner Rede nicht inne, er sucht aber auch nicht, sie durch rhetorische Mittel und Mittelchen aufzuputzen. Auch seine populären Schriften, insbesondere seine Vorträge sind auf einen mittleren Ton gestimmt. Die beiden Rectoratsreden über die Treue in deutscher Sage und Poesie und über das Fürstenideal des Mittel- alters im Spiegel deutscher Dichtung gemahnen etwas au Ludwig Uhlands Weise. Am schwungvollsten ist mir die Festrede erschienen, die er zum Grimm-Jubiläum in Hanau gehalten hat. Da merkt man, daß auch sein Herz mächtig bewegt war, daß auch ein Dichter zu uns spricht.
Und er war auch ein Dichter. Es ist schon bemerkt worden, daß ihm sein Dichtertalent bei der Ausübung der Textkritik zu Hilfe kam. Er verwerthete es aber auch zu eigenen dichterischen Schö- pfungen. Bartsch hat uns in seiner biographischen Skizze „Aus der Kinderzeit" selbst von seinen allerersten poetischen Versuchen erzählt. Über die weiteren seines Jünglingsalters berichtet Meyer von Waldeck in seinem Nekrolog. Aber nur eine einzige Sammlung lyrischer Go-
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dichte ist von ihm veröffentlicht worden (1874). Diese Dichtungen zeichnen sich nicht eigentlich aus durch ihren Gedankeninhalt, durch dichterische Größe; sie haben etwas Mildes, in der Form sind sie correct und anmuthig. Daß Bartsch es auch verstand, in mittelhoch- deutscher Sprache zu dichten, hat uns ebenfalls Meyer in einem sehr hübschen Beispiel gezeigt. Später versuchte sich Bartsch auch auf dem Gebiete der Novelle, aber nur zwei solcher kleinerer Erzählungen sind bekannt gegeben in den Zeitschriften Vom Fels zum Meer und Nord und Süd. Auch diese Novellen erheben sich nicht über die bessere Erzählungsliteratur.
Viel bedeutender zeigt sich Bartschens Dichtertaient in seinen Übersetzungen, in der Verdeutschung der Lieder und Balladen von Robert Burns (1865), in der Übertragung des Nibelungenliedes (1867), in den Verdeutschungen von Dantes göttlicher Comödie (1877) und alter französischer Volkslieder (1882). Uns muß hier die Nibe- lungenlied-Übersetzung besonders interessiren. Sie unterschied sich von allen vorhergehenden dadurch, daß in ihr im Einklang mit dem Original nur stumpfe Reime gebraucht sind. Daß durch diese Maß- nahme dem Übersetzer ganz bedeutende Schwierigkeiten erwuchsen, liegt auf der Hand. Denn er mußte allen Reimen aus dem Wege gehen, die im Mittelhochdeutschen sich dem Auge als zweisilbige dar- stellen, metrisch aber nur einsilbig sind, und deshalb die ganze Vers- zeile umgestalten.
So haben wir die wissenschaftliche und schriftstellerische Thätig- keit Bartschens in ihren außerordentlich mannigfachen Erscheinungen verfolgt, aber damit ist noch nicht der ganze Mann gewürdigt. Denn er war nicht Privatgelehrter, sondern waltete eines akademischen Amtes, und waltete seiner getreulich. Ab und zu sind wir in unserer Betrachtung auch auf einzelne Äußerungen seiner Lehrthätigkeit geleitet worden. Wenn wir sie im Zusammenhang beleuchten wollen, so müssen wir uns freilich mit Andeutungen begnügen. Denn aus dem bloßen Material, welches ein Professor behandelt, aus den angekün. digten Vorlesungen im Lectionskatalog kann eben auch nur eine Seite seiner Wirksamkeit bekannt werden. Über deren eigentliches Wesen vermag nur ein gereifter Zuhörer zu berichten und zu urtheilen, — Bartsch verdankte seinen Ruf nach Rostock wesentlich der Fürsprache Wilhelm Wackernagels. Die Professur trat er Ostern 1858 an. Vom März dieses Jahres ist die Dedicationszuschrift datirt, mit welcher Bartsch seinem Gönner Wackernagel sein neuestes Werk „Die Er-
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lösung mit einer Auswahl geistlicher Dichtungen" (1858) widmete. Sehr bezeichnend ist der Anfang: „Dies Buch, das nicht beziehungshjs „Die Erlösung" heißt, mit Ihrem Namen zu schmücken, hätte ich nie wohlgegründeteren Anlaß finden können als gerade jetzt, wo ich aus beengenden Verhältnissen mich in einen schönen heiteren Wirkungs- kreis versetzt sehe. Denn Ihnen verdanke ich ja zumeist diese Wen- dung meines Schicksals ..."'). Dieses Wort hat man in manchen Kreisen Nürnbergs einigermaßen schmerzlich empfunden, weil Bartsch sich dort sehr wohl zu befinden schien und sich auch viele Sympathien erworben hatte. Allein Bartsch hatte vollkommen Recht mit seinem Bekenntnisse. Seine Stellung am Museum war doch eine beengende und ungenügende. Die Berufung an eine Universität war in der That eine Erlösung für den jungen Gelehrten; nur in der akademischen Luft konnte er wahrhaft wirken und gedeihen. Zwar war Rostock damals keineswegs ein besonders günstiger Boden für einen Professor der deutschen und neueren Literatur. Dem Schulfach ergaben sich nur verschwindend wenige Meklenburger; das Land bezog seine Lehr- kräfte fast nur aus dem Auslande, namentlich aus Sachsen; eine Prü- fungscommission bestand nicht und wurde erst dann eingerichtet, als Bartsch nach Heidelberg ging. So war der Kreis der Zuhörer an der ohnehin kleinen Universität nicht groß, vielfach kamen die Collegien gar nicht zu Stande. Bartsch kündigte Vorlesungen auf dem Gebiete der germanischen und der romanischen Philologie an. Aus dem ersteren las er über deutsche Grammatik, erklärte er Autoren, verband er auch grammatische Collegia mit Interpretationen, trug er auch Literatur- geschichte und Mythologie vor. Auch Goethes Faust wurde manchmal von ihm gewählt. Der Schwerpunkt seines Wirkens in Rostock lag aber ohne Zweifel in dem durch ihn ins Leben gerufenen deutsch- philologischen Seminar, wie bemerkt, dem ersten in Deutschland. Eis war keine weit ausgedehnte, aber eine intensive Wirksamkeit, die er da entfaltete. Vier Stunden wöchentlich mußten dem Seminar ge- widmet werden. Was er trieb, was er leistete, welche Theilnahme er
') In Meyei's Nekrolog II, S. 1107 [bes. Abdr, S. 14] ist bemerkt: „Die Arbeit des strebsamen Forschers an diesem Werke (der Ausgabe der Erlösung) fiel mit seiner Berufung nach Rostock zusammen , so daß die Freunde neckisch behaupteten , diese „Erlösung" sei für ihn in Wahrheit eine Erlösung aus den beschränkten Verhältnissen des Germanischen Museums gewesen." Danach hätte Bartsch einen Scherz der Freunde benutzt in ernstem »Sinne zu seiner Dedication. Ich glaube dagegen, daß Bartsch von selbst auf die Beziehung vom Titel des Buches zur Wendung seines Lebens- schicksals gekommen ist.
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fand, darüber geben die Acten genauen Aufschluß, Ich brauche hier nur auf die Denkschrift zu verweisen , welche ich aus Anlaß des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums des Seminars verfaßt habe').
Nur Einiges mag hier bemerkt sein. Das Seminar war nicht etwa eine dem classisch-philologischen Seminar an die Seite gesetzte und nach seinem Vorbilde eingerichtete Neuschöpfung, sondern eine Fort- setzung und Umgestaltung des früheren philosophisch-ästhetischen Semi- nars, welches der Ästhetiker Professor Wilbrandt (der Vater Adolf Wilbrandts) geleilet hatte. Die Mitglieder waren anfänglich zumeist Theologen und Juristen, später änderte sich das, da wurden es der Glieder aus der philosophischen Facultät mehr und mehr, bis diese überwogen und schließlich die ausschließlichen wurden. Bartsch las im Seminar vorzugsweise Mittelhochdeutsch. Aus diesem Kreise wurden auch die meisten Themata zu schriftlichen Arbeiten genommen. Im Anfang behalf sich das Seminar ohne eigene Bücher, Bartsch bean- tragte die Gründung einer Seminarbibliothek, die auch bewilligt wurde und 1864 ins Leben trat. Bartschens systematischer Katalog ist nach den besten bibliothekarischen Principien eingerichtet. Seine Anordnung ist aus der knappen Beschreibung der Bibliothek in meiner Denk- schrift zu ersehen. Von den von Bartsch als Director des deutseh- philologischeu Seminars gestellten Preisaufgaben wurde leider nur eine gelöst, aus welcher die schon genannte Schrift über die meklen- burgische Grammatik von Nerger hervorging.
Ostern 1871 ging Bartsch an des verstorbenen Holtzmann Stelle nach Heidelberg. Er hatte wie dieser die germanische Philologie zu vertreten, daneben aber nicht die allgemeine Sprachwissenschaft und das Sanskrit, sondern das Romanische. Seine Verpflichtung war also der in Rostock gleich, aber ein Seminar fand er nicht vor. In den ersten Seraestern begnügte er sich mit Übungen, die er selbst veranstaltete, bewirkte aber auch die Gründung eines Seminars, wel- ches mit dem Sommersemester 1874 begonnen wurde. Während in Rostock das Seminar ein deutsch-philologisches war, setzte Bartsch im Einklang mit seiner akademischen Doppelstellung die Gründung eines Seminars für neuere Sprachen durch, welches später den Namen eines germanisch-romanischen erhielt. An ihm wirkten unter Bartschens Leitung auch die andern Vertreter, Professoren und Docenten, der betreffenden Fächer. Für wie wichtig er die Seminarthätigkeit er-
') Denkschrift zur Feier des fünfundzwanzigjährigen Bestehens des deutsch- philologischen Seminars auf der Universität zu Rostock am 11. Juni 1883. Rostock 1883. gr. 4«.
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achtete und wie verständnißvoll und praktisch er die Übungen einzu- richten verstand, davon gibt der Vortrag, den er auf der Karlsruher Philologenversammlung (1882) über die Gründung germanischer und romanischer Seminare und die Methode kritischer Übungen hielt, glän- zendes Zeugniß. In seinem Seminar wirkte er höchst anregend und ersprießlich; nicht nur gewannen die, welche die Lehrerlaufbahn ein- zuschlagen beabsichtigten, durch ihn eine treffliche Vorbildung, sondern auch Fachgelehrte sind aus seineu Händen hervorgegangen. Dennoch war das Seminar nicht in solchem Maße wie in Rostock der Schwer- punkt seines Wirkens. An der viel größeren Universität waren auch seine Vorlesungen ungleich mehr besucht, und wegen Mangels an Theilnahme brauchte keine auszufallen. Wir beschränken uns auf die Angabe seiner deutschen Collegia. Er las über Literaturgeschichte alter und neuer Zeit, Grammatik, Metrik, Mythologie, erklärte Ul- filas, die Edda, die Nibelungen, den Parzival, Walthers Lieder, Minne- singer, Goethes Faust. Eine Vorlesung hebe ich besonders hervor, weil das Thema, so viel mir bewußt, vorher in Deutschland niemals gewählt worden ist, das ist die Encyklopädie der germanischen Philo- logie. Im Seminar wurden in der deutschen Abtheilung besonders textkritische Übungen veranstaltet, aber auch Otfried, auch Angel- sächsisch wurde getrieben. Rechnet man nun die verschiedenen roma- nischen Collegien historischer und exetischer Gattung sowie die dazu gehörigen Übungen hinzu, so kann man füglich sagen, daß es wenige Docenten gegeben haben wird, die Bartsch an Fülle und Vielseitigkeit des Lehrstoffes gleichgekommen sind. So ist er auch als akademischer Lehrer eine eigenartige Erscheinung, wie sie nicht wiederkehren wird. Ein Ersatz, ein völliger Ersatz für ihn ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ein Docent, der wie er die germanische und die romanische Philo- logie verbindet, kann nicht mehr gefunden werden. In dieser Er- kenntniß ist für das deutsche Fach bereits ein Nachfolger berufen worden; es wird sieh nun darum handeln, in Heidelberg auch eine ordentliche Professur für das Romanische zu gründen. Die Vertreter dieser beiden Disciplinen werden sich in die Leitung des von Bartsch gegründeten Seminars zu theilen haben. Mögen sie einmüthig im Sinne ihres großen Vorgängers weiter wirken! —
Kehren wir nun zurück zu Bartschens gelehrter Thätigkeit und werfen wir mit Beziehung auf einzelne seiner Werke auch einen Blick in die Zukunft! Die Germania möge vor Allem den Freunden und Anhängern des Geschiedenen empfohlen sein! Es wird insbesondere der Wunsch geäußert werden dürfen, daß die Bibliographie der letzten
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Jahre noch nachgeliefert werden möge. Eine Lücke würde doch allzu- sehr fühlbar sein. Eine sehr lohnende Aufgabe müßte nach meinem Bedünken einem jungem Germanisten erwachsen , wenn er im Zu- sammenhange die metrischen Lehren Bartschens darstellen, erläutern und kritisiren wollte. Ob der kritische Apparat zu Wolfram mit dem neuhinzuo-ekommenen nicht unbeträchtlichen Material, welches Bartsch zu seiner Ausgabe benutzte, von einem Andern gegeben werden kann, falls sich Vorarbeiten im Nachlasse nicht vorlinden, erscheint aller- dings fraglich. Dagegen wäre die Besprechung einzelner von Lachmann abweichender Stellen wohl möglich und in hohem Grade erwünscht. Der Katalog der Heidelberger Handschriften ist durch Bartschens Erkrankung nicht so vollständig ausgefallen, wie es in seinen Wün- schen lag; wie uns im Vorworte berichtet wird, sollen Nachträge folgen. Von einem großangelegten Unternehmen hat uns Bartsch nur eine Probe gegeben, nämlich einen kleinen Anfang (A— AL) eines Verzeichnisses altdeutscher Gedichte nach den Eingängen in seinen Beiträgen zur Quellenkunde der altdeutschen Literatur (Straßburg 1886). Dieses Verzeichniß verdient unter allen Umständen fortgesetzt und vollendet zu werden. Finden sich im Nachlasse nicht noch weitere Stücke? Ein solches Verzeichniß würde ein höchst praktisches Repertorium sein. Aber es würde auch von sehr beträchtlichem Um- fang werden. Ist es einem Einzelnen möglich, dieser Aufgabe völlig zu genügen? Müßte da nicht Arbeitstheilung eintreten? Und eine weitere Frage: würden sich nicht auch stoffliche Theilungen empfehlen? Liedanfänge überwiegen weitaus, sollen die Epen und Dramen mit eingereiht werden oder stehen sie nicht besser besonders? Das wäre wohl ein Thema zur Besprechung auf einer Philologenversammlung. Zunächst aber wäre es erwünscht, wenn einer der Freunde eine Mit- theilung darüber machen könnte, wie sich Bartsch das ganze Ver- zeichniß gedacht hat.
Das letzte Werk, dessen Titel den Namen Karl Bartsch enthält, ist meine Ausgabe des Frauendienstes, die den 6. und 7. Band der von ihm ^herausgegebenen Deutschen Dichtungen des Mittelalters bildet. Die Jahreszahl 1888 ist sein Todesjahr. Ihm war es leider nicht mehr möglich, mein Werk mit seiner Fürsorge zu begleiten. Die letzte Zuschrift, die ich von ihm empfing, enthielt einen Glück- wunsch zur Vollendung meiner Ausgabe zugleich mit der Nachricht, daß er ein Exemplar an Reinhold Becker zur Recension für die Ger- mania gesandt habe. Dann setzte er hinzu: „Ich lebe ein schweres Leben."
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Von seiner Bürde, die so oft sein Leben beschwerte und die ihn zuletzt so schmerzlich niederdrückte, ist er nun befreit durch den erlösenden Tod. Wie sehr wir aber auch sein schweres Leben beklagen, so fühlen wir uns doch erhoben in dem Bewußtsein, daß wir ihn, dessen Verlust wir so tief empfinden, doch besitzen durften, und daß wir ihm so unendlich viel verdanken. Sein ganzes Leben war nicht schwer; es ist trotz vielen Leides nach den Worten des Psalmisten ein köstliches Leben gewesen, denn es ist Mühe und Arbeit gewesen. Sein Andenken bleibe in Segen!
ROSTOCK, Anfang April 1888, REIN HOLD BECKSTEIN,
VERZEICHNISS DER SELBSTÄNDIG ERSCHIE- NENEN GERMANISTISCHEN SCHRIFTEN KARL
BARTSCHS^.
Karl der Große von dem Stricker ligb. von Dr. K. Bartsch, Conservator der Bibliothek am Germanischen Museum. Bibliothek der ge- sammten deutschen National-Literatur. Bd. 35. Quedlinburg u, Leipzig, Gottfr. Basse, 1857. XCVI, 432 S. 8.
Die Erlösung mit einer Auswahl geistlicher Dichtungen hgb. von K. Bartsch. Bibliothek der gesammten deutschen National-Literatur. Bd, 37. Quedlinburg u, Leipzig, Gottfr. Basse, 1858, LXX, 381 S. 8.
Berthold von Holle, hgb, von K. Bartsch. Nürnberg, Bauer und Raspe, 1858. LXXVII, 250 S. 8.
Mitteldeutsche Gedichte, hgb. von K. Bartsch. Bibliothek des Litterarischen Vereins in Stuttgart. Bd. LUX. Stuttgart 1860. XXXVI, 229 S. 8.
Albrecht von Halbe rstadt und Ovid im Mittelalter, von K. Bartsch. Bibliothek der gesammten deutschen National-Literatur, Bd. 38. Quedlinburg u. Leipzig, Gottfr. Basse, 1861. CCLX, 501 S. 8.
Meleranz von dem Pleier hgb. von K. Bartsch. Bibliothek des Litterarischen Vereins in Stuttgart. Bd, LX. Stuttgart 1861. 387 S, 8,
Über Karlmeinet, Ein Beitrag zur Karlssage von K. Bartsch. Nürn- berg, Bauer und Raspe, 1861, VIII, 391 S, 8,
Meisterlieder der Kolmarer Handschrift hgb. von K. Bartsch, Bibliothek des Litterarischen V^ereius in Stuttgart. Bd, LXV^III, Stuttgart 1862. 734 S, 8.
') Dabei konnte ein von der Verlagsbuchhandlung Carl Gerold's Sohn gütigst zur Verfügung gestelltes Verzeichniß von 31 Schriften Bartschs verglichen werden. Ein vollständiges Verzeichniß auch der in Journalen enthaltenen Aufsätze sowie der romanistischen Schriften soll später folgen.
VERZEICH NISS DER SCHRIFTEN K. BARTSCHS. 95
Deutsche Liederdichter des XII. — XIV. Jahrhunderts. Eine Auswahl von K. Bartsch. Leipzig, G. J. Göschen, 1864. LXVI , 390 S. 8. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Stuttgart, Göschen ^ 1879. LXXIV, 407 S. 8.
Kudrun. Hgb. von K. Bartsch. Deutsche Classiker des Mittelalters. Bd. 2. Leipzig, F. A. Brockhaus. 1. Auflage 1865, 4. Aufl. 1880. (XXVIII, 357 S. 8.)
Untersuchungen über das Nibelungenlied von K. Bartsch. V^ien, Wilhelm Braumüller, 1865. XII, 385 S. 8.
Das Nibelungenlied. Hgb. von K. Bartsch. Deutsche Classiker des Mittelalters. Bd. 3. Leipzig, F. A. Brockhaus. 1. Auflage 1866. 5. Auflage ib. 1879. XXVI, 420 S. 8.
Die deutsche Treue in Sage und Poesie. Vortrag, gehalten am Geburtstage Seiner königlichen Hoheit des Großherzogs von Mecklenburg- Schwerin Friedrich Franz am 28. Februar 1867 von Dr. K. Bartsch, ord. Professor der deutschen und romanischen Philologie, derzeitigem Rector der Universität Rostock. Leipzig, C. W. Vogel, 1867. 28 S. 8.
Der Saturnische Vers und die altdeutsche Langzeile. Bei- trag zur vergleichenden Metrik von K. Bartsch. Leipzig, B. G. Teubner, 1867. 62 S. 8.
Das Nibelungenlied. Übersetzt von K. Bartsch. Leipzig, F. A. Brockhaus. 1. Auflage 1867, 2. Aufl. 1880. XXII, 858 S. 8.
Das Fürstenideal des Mittelalters im Spiegel deutscher Dichtung.